Von Claudia Fromme

"Fuck him, fuck her!" Ein Treffen mit dem Exzentriker Richard O'Brien, der vor 35 Jahren die "Rocky Horror Show" erfunden hat.

Die Spätsommersonne wirft müde Strahlen in die Dean Street. Ein Bauarbeiter frisst sich mit seinem Presslufthammer durch den Asphalt, aus einem Auto jault Rock, der Erotikbedarfshandel "I love Sex" offeriert kleine Peitschen. Wenn man das Haus Nummer 45 betritt, ist es, als drückte jemand die Pausentaste. Dahinter liegt der Groucho Club, das exklusive Boudoir der Künstler und Kreativen im Londoner Soho, und es ist unfassbar ruhig.

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Aufgeweichte Geschlechterrollen: Richard O'Brien. (© Foto: Getty Images)

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Richard O'Brien, 66, sitzt an einem Ecktisch und nickt mal dem einen, mal dem anderen zu. Er trägt eine sehr enge, sehr gelbe Jeans, ein korrespondierendes T-Shirt und ein kupferfarbenes Wickeltop. Die Kuppellampe über dem Tisch spiegelt sich in seiner Glatze, die blauen Augen blicken in die Ferne. Er rutscht tiefer in das braune Sitzleder und gähnt sehr laut.

Er schlafe schlecht in letzter Zeit, sagt er gleich zum Entree. Mit Aufwärmfloskeln hält sich Richard O'Brien nicht auf. Jede Nacht wälze er sich herum, quäle sich mit der Frage: Wer bin ich? Was bin ich? Ein Mann? Eine Frau? "Ich weiß es nicht", seufzt er und schließt die Augen. "Das bringt mich noch mal um." Er sagt es beiläufig, gelangweilt fast, es wirkt nicht wie zurechtgebastelte Attitüde. Was soll man dazu sagen, wenn man sich erst vor zwei Minuten kennengelernt hat? Nichts am besten. Man hat nicht das Gefühl, dass ihn die Antwort interessieren würde.

Ein bisschen Wildheit für jeden

Er ist keiner, der tausendfach gestellte Fragen begeistert beantwortet, als sei ihm grad die Weltformel präsentiert worden. Er gibt Interviews mit dem Subtext: Rutsch mir den Buckel runter. Ein sehr sympathischer Zug.

Sich nicht um Konventionen zu scheren, damit hat sich Richard O'Brien einen gewissen Namen in der Musikwelt gemacht. Vor 35 Jahren brachte er zum ersten Mal seine "Rocky Horror Show" auf die Bühne, in einem Nebenzimmer des Royal Court Theatre in London. Es war noch nicht sehr verbreitet, außerhalb von Varietés einen Mann in Strapsen sein süßes Leben als Transvestit besingen zu lassen, und so sorgte das Musical für einigen Gesprächsstoff. Es ging nicht um die leichtbeschürzten Darsteller - mit massierter Nacktheit wartete "Hair" seit Jahren auf -, sondern darum, dass O'Brien die gepolte Gesellschaft dekonstruierte, Männer waren ein wenig Frauen und Frauen ein wenig Männer.

Eigentlich sollte das Musical nur fünf Wochen laufen, schlussendlich begann eine Show, die bis heute eine gewisse Wildheit in Stadthallen weltweit zaubert. "Time Warp" und "Science Fiction, Double Feature" sind immer noch die Kracher auf Betriebsfesten, sortierte Menschen brüllen weiterhin Unflätiges in Richtung Bühne, und nun, 35 Jahre nach der Erstaufführung, wird das Musical neu inszeniert: Ende Oktober ist Premiere im Berliner Admiralspalast.

In dem von Richard O'Brien komponierten Musical landet das Biederpaar Brad und Janet nach einer Autopanne im Wald im Schloss des Frank-N-Furter. Der hat sich gerade seinen Lustknaben "Rocky" gebaut und feiert das mit einer schrillen Party. Science-Fiction- und Horrorfilme der fünfziger Jahre standen Pate, was auch daran liegt, dass O'Brien früher derart viele B-Movies sah, dass er tragende Teile seiner Jugend im Kino verbrachte.

Als Richard Timothy Smith wurde er in England geboren, aufgewachsen ist er in Neuseeland, wo sein Vater Schafe züchtete. Dort stellte er sich schon als Kind die Frage, ob er nicht lieber ein Mädchen wäre. Das Gefühl, sich schämen zu müssen für seine Neigungen, sei ihm von klein auf eingeimpft worden, sagt O'Brien, also habe er es unterdrückt und sich in die Filmwelt geflüchtet. Befreit habe er sich erst, als er in den Sechzigern nach London zog. Er war zweimal verheiratet ("unglücklich"), hat zwei Kinder, mäandert zwischen den Geschlechtern und irritierte unlängst bei einem Empfang Cherie Blair mit einem Abendkleid, das ein sehr ausgeprägtes Rückendekolletee aufwies. Ein Musical über die fließenden Geschlechtergrenzen als Befreiungsschlag? "Es war sicherlich eine Art Katharsis", sagt er.

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