Kritik an Spendenkampagnen Für stumm verkauft

Überzeugend trauriger Blick: Michael, der Spenden-Kampagnen Darsteller.

Schwarze Kinder mit großen Augen, die stumm in Kameras blicken - so sehen Spendenaufrufe meist aus. Ein norwegischer Hilfsdienst will das ändern. Er prangert mit einem Negativpreis Hilfsorganisationen an, deren klischeehafte Kampagnen die Hilfsempfänger entwürdigen. Und zeigt mit einem eigenen Clip, wie es auch anders geht.

Von Isabel Pfaff

Ein älterer weißer Mann geht durch ein Armenviertel. "Sie haben mich schon öfter in Vierteln wie diesem gesehen", sagt er. "Aber was Sie noch nicht gesehen haben, ist ein Kind wie Isaac, das hier steht und mich fragt: Hast du mir einen Paten mitgebracht?" Isaac steht jetzt neben dem Mann und blickt stumm in die Kamera.

Es ist eine Szene aus dem Spot der Hilfsorganisation Child Fund International. Darin kommen noch viele andere Kinder vor, die stumm in die Kamera blicken. Keines spricht für sich selbst, zu hören ist nur die Stimme des weißen Mannes, der die Zuschauer zu Spenden aufruft. Die Botschaft: Diese Kinder sind Opfer, hilflos, sprachlos. Ihr Schicksal liegt in der Hand der westlichen Zuschauer.

Der Spot ist für die "Rusty Radiator Awards", den Rostigen-Heizkörper-Preis, nominiert, zusammen mit drei weiteren Spendenaufrufen. Laut der internationalen Jury haben die vier Videos eines gemeinsam: Sie entmündigen und entwürdigen die Menschen, denen sie helfen wollen, und vereinfachen das Problem der Armut und ihrer Ursachen. Im Netz kann über die Videos abgestimmt werden, der Gewinner des Negativpreises wird am 10. Dezember bekannt gegeben.

Hinter dem Preis steckt der norwegische Internationale Hilfsfonds von Studenten und Akademikern (SAIH), der schon 2012 Aufsehen mit der Kampagne "Africa for Norway" erregte. In Anlehnung an die Initiative "USA for Africa" und den Song "We Are the World" sangen afrikanische Musikstars in einem Video über das kalte Norwegen und riefen dazu auf, Heizkörper an die Norweger zu spenden.

Traurig schauen für das Spendenplakat

Auch jetzt bewirbt die Hilfsorganisation ihren Award mit einem Video, das gerade die Runde in den sozialen Netzwerken macht. In der Hauptrolle: Ein kleiner schwarzer Junge im schmutzigen Unterhemd, barfuß. Er hält sich am Kleid seiner Mutter fest, die einen Wasserkanister auf dem Kopf balanciert. So weit, so Charity-typisch - bis zur nächsten Szene, in der der kleine Junge sich mit Basecap und Parka im Regiestuhl räkelt. "Michael, der Spendenkampagnen-Darsteller" heißt der Clip, der die stereotype Darstellung von Armut und Hilfsbedürftigkeit in Spendenaufrufen aufs Korn nimmt.

"Wenn diese Filmemacher aus Übersee nach Afrika kommen, bin ich die erste Person, die sie anrufen", sagt Michael in seinem Regiestuhl. "Ich bin unglaublich begabt!" Denn Michael kann unglaublich traurig schauen, geradezu perfekt für Spendenplakate mit der Aufschrift "Save Africa". Er kann aber auch authentisch "Tastes like shit!" (Schmeckt ekelhaft!) sagen, als er in das von einer weißen Wohltäterin mitgebrachte Gebäckstück beißt. Am Ende haut Michael den Zuschauern die Klischeebilder um die Ohren, als er zu Elektrobeats das Motto des Clips tanzt: stereotypes harm dignity - Stereotype sind entwürdigend. Denn, so die Macher des Videos, sie nehmen den Menschen die Möglichkeit, ihre Geschichte selbst zu erzählen. Die Hilfsbedürftigen bleiben passive Opfer, während die Helfer aus dem Westen die eigentlichen Akteure der Geschichte sind.

Nadja Ofuatey-Alazard gefällt das SAIH-Video, weil es irritiert. Die Münchner Literaturwissenschaftlerin forscht unter anderem zu Rassismus und der Darstellung von Minderheiten in den Medien. "Das Video bricht mit den in den Werbespots üblichen Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen, Hilfsbedürftigen und Helfern. Dadurch wird klar, wie konstruiert diese Rollenaufteilung ist", sagt sie.

Vereinfachte Wirklichkeit

Wer üblicherweise welche Rolle einnimmt, zeigen die für den Award nominierten Videos deutlich: Ein westlicher, meist weißer Star engagiert sich für hilfsbedürftige, meist schwarze Kinder. Die Botschaft: Nur wenige Cents genügen, um das Leben dieser Kinder besser zu machen. Wissenschaftlerin Ofuatey-Alazard kritisiert die starke Vereinfachung von Armut in solchen Spendenaufrufen. "Die Kampagnen blenden die Ursachen von Armut aus, die eng mit Europa und dem Westen zusammenhängen", sagt Ofuatey-Alazard. "Sklavenhandel, Kolonialismus, aber auch die ungerechten Handelsbeziehungen zwischen Afrika und Europa haben viel damit zu tun, dass es afrikanischen Volkswirtschaften immer noch so schlecht geht."

Hilfsorganisationen verteidigen sich mit dem Argument, dass diese Zusammenhänge zu komplex seien, um sie in Videos oder auf Plakaten zu thematisieren. "Das würde zu weit führen", sagt Sascha Decker, ein Sprecher der Kindernothilfe in einem Dokumentarfilm. Der 2011 veröffentlichte Film "White Charity" diskutiert Spendenkampagnen und ihre oft rassistische Darstellung von schwarzen und weißen Menschen. Decker begründet die Kampagnen der Kindernothilfe außerdem damit, dass es die Spendenbereitschaft in Europa gefährden würde, europäische Wirtschaftszweige anzuprangern und auf ihre Mitschuld an der globalen Armut hinzuweisen.

Goldene Heizkörper für Geschichten ohne Mitleid

Die Mitarbeiter von SAIH sind der Meinung, dass man Menschen auch ohne diskriminierende Fotos oder Videos zum Spenden bewegen kann. Sie vergeben nämlich nicht nur den rostigen, sondern auch den goldenen Heizkörper: Für die "Golden Radiator Awards" sind vier Videos nominiert, die es den Angaben der Jury zufolge geschafft haben, nicht auf das Mitleid der Zuschauer zu setzen, sondern auf das Potenzial und die Handlungsfähigkeit der Menschen, die unterstützt werden sollen.

Doch auch die Positivbeispiele, sagt Rassismusforscherin Ofuatey-Alazard, hätten einen Fehler: Auch hier finde keine Begegnung auf Augenhöhe statt. Zu stark würden die Unterschiede zwischen 'uns' und 'den anderen' betont. "Das hängt aber mit der grundsätzlichen Logik der Hilfsindustrie zusammen: Hilfsorganisationen sind allein schon zum Selbsterhalt auf Spendengelder angewiesen, und sie befürchten wohl, dass ohne die Betonung von Differenz niemand spendet", erklärt die Wissenschaftlerin. Trotzdem sei die europäische Selbstkritik, die in der Kampagne stecke, ein Schritt in die richtige Richtung.

Denkanstöße für Europa durch Rollentausch - zum Beispiel, wenn Michael, der Charity-Darsteller, plötzlich Sätze sagt, die wir eigentlich von weißen Stars kennen, die sich gegen Armut engagieren: "Es ist ein harter Job", sagt er, im Regiestuhl sitzend. "Manchmal denke ich drüber nach, aufzuhören. Aber andererseits: Es ist für einen guten Zweck."

Linktipps: Weitere Beispiele für ungewöhnliche Spendenaufrufe finden Sie hier. Den Dokumentarfilm "White Charity" können Sie sich hier ansehen. Kritik an der "Africa for Norway"-Kampagne finden Sie hier.