Krise in Griechenland "Wir Ärzte müssen unseren Patienten helfen"

Erst eröffnete er eine Praxis für Menschen ohne Krankenversicherung. Dann legte er sich mit den Behörden an, die immer mehr Menschen Heizung, Licht und Wasser abstellen. Und plötzlich war sein Auto kaputt und der Laptop weg: Wie der Arzt Giorgos Vichas unfreiwillig zum Helden der griechischen Krise wurde.

Von Alex Rühle, Athen

Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben; Mut bedeutet, etwas zu tun, obwohl man Angst hat. Giorgos Vichas hatte nie vor, ein Held zu werden. Dafür ist er viel zu schüchtern. Vichas arbeitet als Kardiologe in einem Athener Krankenhaus. Als es vor Jahren darum ging, Karriere zu machen, hat er darauf verzichtet, um weiterhin mehr Zeit für seine Frau und seine beiden Töchter zu haben. Aber dann kam die Krise. Und jetzt ist er fast eine Art Staatsfeind.

Giorgos Vichas sitzt in seinem kleinen Untersuchungsraum in der Sozialen Arztpraxis in Elleniko und erzählt von der Schwangeren, die gerade da war. Siebter Monat. Und bislang kein Arztbesuch. Gerade eben wurde sie erstmals untersucht.

Vichas strahlt beim Erzählen eine große Ruhe aus. Müdigkeit, klar, die auch: Er macht das hier ja nebenher, das heißt, er hat seinen Job und kommt danach erst in die kostenlose Notfallpraxis, in der auch an diesem Abend wieder viel zu viele Menschen auf eine Behandlung warten. Aber die Müdigkeit weht um ihn wie ein Arztkittel, etwas Äußerliches, Unwichtiges: Im Kern wirkt Vichas trotz seiner beeindruckend dunklen Augenringe nicht matt oder abgeschlafft. Im Gegenteil, er scheint das stille Kraftzentrum der ganzen Praxis zu sein. Jetzt muss er kurz mal in den Nebenraum, eine Kollegin hat ein Baby untersucht, das seit der Geburt vor fünf Monaten nur 200 Gramm zugenommen hat, also können wir die Zeit nutzen und kurz die Vorgeschichte erzählen.

Die größte Krankenversicherung horrend verschuldet

2010 merkte Giorgos Vichas, dass immer mehr seiner Herzpatienten nicht mehr zur Untersuchung kamen. Seit der Verabschiedung der Sparmemoranden muss man entweder krankenversichert sein oder aus der eigenen Tasche zahlen, damit man in einem öffentlichen Krankenhaus noch behandelt wird. Wer länger als ein Jahr arbeitslos ist, verliert seine Krankenversicherung. Aber selbst die Versicherten müssen mittlerweile meist im Voraus bezahlen: Die größte griechische Krankenversicherung ist so verschuldet, dass sie die Rechnungen nicht mehr begleichen kann, also verlangen die Ärzte das Geld im Voraus. Mit dem Resultat, dass immer mehr Kranke einfach zu Hause bleiben.

Am 15. Dezember 2011 gründete Giorgos Vichas zusammen mit vier anderen Ärzten diese Praxis. Sie hatten im Süden von Athen ein eingeschossiges Gebäude gefunden, das leer stand und gaben sich drei Regeln: Kein Geld, weder als Bezahlung noch als Spende. Keine politischen Gespräche während der Arbeit. Und Institutionen, die ihnen größere Sachspenden überlassen, dürfen das nur tun, wenn sie ihnen versprechen, die Spende nicht für irgendwelche PR-Kampagnen zu nutzen.

Zwischen Dezember 2011 und August 2012 kamen 1200 Patienten, die meisten von ihnen arbeitslos. Allein im September und Oktober 2012 kamen dann schon 1300. Mittlerweile ist das Wartezimmer immer brechend voll. Und die Situation hat sich so verschärft, dass Vichas nicht mehr nur behandelt, verschreibt, oder Kranke an kooperierende Krankenhäuser vermittelt, sondern eine eigene Form des zivilen Widerstands entwickelt hat.

Es fing an mit Konstantinos Paleologos: Ehemaliger Werber, Oxford-Abschluss, eigene kleine Firma, ein gutes Mittelstandsleben. Dann kam die Krise. Heute ist Paleologos 60 Jahre alt, leidet an Depressionen und rheumatischer Arthritis und wird von der Kirche mit Lebensmitteln versorgt, sein 86-jähriger Vater zahlt ihm die Miete.

Dummerweise hatte dieser Paleologos Stromschulden von 2075 Euro. Er schrieb flehentliche Briefe an das Stromunternehmen DEI, in denen er seinen Fall erklärte, bekam aber nie Antwort. Oder nur indirekt: Als er wegen seiner Arthritis zur staatlichen Notfallambulanz für soziale Härtefälle kam, wurde er abgewiesen: Wer seinen Strom nicht bezahlt, darf auch keine ärztliche Hilfe mehr in Anspruch nehmen.