Wie im Klassiker von Charles Dickens: Banden machen rumänische Kinder in Großbritannien zu Taschendieben und beuten sie aus.
Oliver war ganz angetan von den Spielen des freundlichen Gentleman. Der hatte sich allerlei Utensilien in die Kleider gestopft - ein seidenes Taschentuch, ein ledernes Notizbuch, eine goldene Uhr - und war gravitätisch im Raum umherstolziert. Mitunter hielt er inne, starrte in den Spiegel oder in den Kamin, als ob er eine Ladenauslage studieren wollte.
Für ein warmes Essenwird Oliver Twist in London zum Dieb (hier ein Szenenbild aus einer Literatur-Verfilmung von 1997 mit Alex Trench, u. und Elijah Wood). (© Foto: dpa)
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Die ganze Zeit huschten die Jungen Dodger und Charley Bates wie Fischlein um ihn herum und versuchten, ihm die Gegenstände unbemerkt aus der Tasche zu ziehen. Oliver Twist konnte sich nicht sattsehen, aber es dauerte nicht lange, bis er voller Schrecken erkannte, dass dies kein Spiel war sondern bitterer Ernst. Der alte Fagin richtete Kinder mit Essensentzug zu Taschendieben ab.
Nun musste die britische Öffentlichkeit mit Schrecken feststellen, dass es einige Auswüchse von Charles Dickens' England auch im 21. Jahrhundert gibt: Die Polizei in der westlich von London gelegenen Stadt Slough hob zwei Ringe von Kriminellen aus, die Kinder aus Rumänien ins Vereinigte Königreich schmuggelten, um sie zum Betteln oder Stehlen zu zwingen. Insgesamt 25 Erwachsene wurden festgenommen, zehn Kinder wurden der Obhut der Behörden überstellt. Das jüngste war noch ein Säugling.
Bereits Anfang Januar hatte die Polizei in Ilford im Osten von London ein Haus gestürmt, in dem 27 rumänische Roma auf engstem Raum zusammenlebten; 16 von ihnen waren Kinder. Scotland Yard schätzt, dass sich mehr als 1000 rumänische Kinder in Großbritannien aufhalten und zu kriminellen Akten gezwungen werden. Nach Polizeistatistiken hat sich die Zahl der Vergehen, an denen Sinti und Roma aus Rumänien beteiligt sind, seit dem EU-Beitritt Bukarests und der Öffnung der Grenzen allein im reichen Londoner Stadtteil Westminster um 700 Prozent erhöht: Im Januar 2006 wurden 48 Diebstähle verzeichnet, ein Jahr darauf waren es 395.
Rumänien mag EU-Mitglied sein, aber nach den Erkenntnissen von Steve Allen von der City of Westminster Police unterscheiden sich die Lebensbedingungen in Teilen des Balkanlandes nicht wesentlich von jenen in Ländern der Dritten Welt. "Eine Familie überlässt ihr Kind einer Bande, die verspricht, dass das Kind arbeiten und so eine Verdienstquelle für die Familie sein wird", erklärte er. "Dann erhält die Familie ein Darlehen mit einem so hohen Zinssatz von der Bande, dass sie es nie zurückzahlen kann." Für die Bandenchefs sind die kleinen Taschendiebe ein großes Geschäft. Bis zu 140.000 Euro im Jahr kann ein talentierter Dieb anschaffen.
Insgesamt dürfte sich dies zu mehreren Dutzend Millionen Pfund im Jahr addieren. Dieses Geld hat mittlerweile das Dorf Tandarei östlich der rumänischen Hauptstadt Bukarest zu erheblichem Wohlstand gebracht. Nach britischen Presserecherchen ist Tandarei das Zentrum der Kinderschmuggler. Einst ein Ort vergleichbar mit der verwahrlosten Siedlung des Filmkomikers Borat, gibt es dort mittlerweile teure Häuser und viele Luxusautos.
Die Kinder werden mit Überlandbussen für 70 Euro pro Einwegticket nach England gebracht. Die meisten Banden operieren von Slough aus. Diese Kleinstadt eignet sich wegen der tristen Anonymität und wegen ihrer Nähe zu London als Ausgangspunkt der kriminellen Machenschaften. So gesichtslos ist Slough, dass der angesehene britische Dichter John Betjeman in den dreißiger Jahren in einem umstrittenen Gedicht flehte: "Kommt, freundliche Bomben, fallt auf Slough, es eignet sich für Menschen nicht."
Die kleinen Diebe wenden Tricks an, wie sie Dickens' Romanfigur hätte ersinnen können: Beim Tisch-Surfen werden Handys von Restauranttischen gestohlen. Hugger Muggers singen und tanzen vor Passanten, bevor sie sie umarmen und dabei die Taschen leeren. Verbreitet sind Diebstähle an Geldautomaten: Sobald das Geld aus der Maschine kommt, lenkt ein Kind den Erwachsenen ab, derweil ein anderes sein Geld stiehlt.
Inzwischen erschüttert ein anderer Fall von Kindesmissbrauch Großbritannien: Die Sonntagszeitung Sunday Telegraph hat einen Handel mit Kindern aus Nigeria aufgedeckt. Zwei Jungen im Alter von drei und fünf Jahren wurden einem Reporter für 7000 Euro angeboten, ein zehn Monate altes Baby für 3000Euro. In Großbritannien, so das Blatt, würden diese Kinder wie Sklaven ausgebeutet, die bis zu 18 Stunden am Tag in afrikanischen Haushalten schuften müssen. Der Schock über diese Enthüllung sitzt tief: Erst letztes Jahr beging das Land den 200. Jahrestag des Verbotes des Sklavenhandels.
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(SZ vom 28.01.2008/cag)
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