Kriminalität Die Geschichte eines tödlichen Sommers in Schweden

Symbolbild: In einem Haus wie diesem fand der Doppelmord in der schwedischen Kleinstadt Arboga statt.

(Foto: picture alliance / Uwe Gerig)
  • Eine Frau in Schweden ist wegen eines Doppelmordes angeklagt.
  • Sie soll ihren Vater und ihren Ehemann mit Hilfe ihrer Kinder und einem Freund umgebracht haben.
  • Ihr Motiv soll Geldgier gewesen sein.
Von Silke Bigalke, Stockholm

Das Sommerhaus, nach dem dieser Schweden-Krimi benannt ist, steht abgelegen in einem Wäldchen. Ein Holzhaus, im üblichen Falunrot gestrichen, der See nicht weit. Fröhliche Sommer haben sie hier mit ihren Kinder und Enkeln verbracht. An jenem Abend im August ist das ältere Ehepaar allein im Haus. Es gibt Lasagne zum Essen, dann legen sie sich früh schlafen. Gegen elf wacht die Frau, 63, auf. Es ist warm und feucht im Bett. Sie fragt ihren Mann, 68, danach, doch er antwortet nicht. Sie steht auf, geht ins Bad und sieht die Blutspur, die sie hinterlässt. Sie wählt den Notruf: Ihr Mann sei tot, sie selbst habe Löcher im Körper.

Noch im Krankenwagen deutet die verletzte Frau an, dass ihre Tochter mit der Sache zu tun haben könnte. Von da an wird der Fall immer verworrener. Nach und nach kommt ans Licht, dass diese Tochter, 42, vermutlich nicht nur den Vater und beinahe ihre Mutter umgebracht hat. Im selben Sommerhaus in Arboga, gut 150 Kilometer westlich von Stockholm, soll sie ein Jahr zuvor ihren Ehemann ertränkt haben.

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Am Montag begann der Prozess gegen sie und ihre vermeintlichen Komplizen vor einem Bezirksgericht in Västerås. Es geht nicht nur um Doppelmord - die Frau soll andere angestiftet haben, ihr zu helfen, darunter ihre eigenen Kinder. Sie soll versucht haben, die Versicherung ihres Mannes zu betrügen, Beamte zu bestechen und Polizisten einzuschüchtern. Die "Sommerhausmorde" werden in die schwedische Kriminalgeschichte eingehen.

Das liegt auch an der unglaublichen Skrupellosigkeit der Angeklagten. Die 42-jährige, ausgebildete Sozialarbeiterin und Mutter von sechs Kindern mit drei verschiedenen Vätern, soll aus Geldgier getötet haben. Die Staatsanwälte beschreiben sie als kalt und manipulativ. Sie hat nicht selber zugestochen. Stattdessen soll sie ihren damaligen Freund nachts zu dem Haus gefahren und ihm das Messer in die Hand gedrückt haben.

Der Mann hat gestanden, ein junger Afghane, der 2015 als Flüchtling aus Iran nach Schweden kam und von den Behörden auf heute 25 Jahre geschätzt wird. Er sagt, die 42-Jährige habe ihm die Ehe und damit eine Zukunft in Schweden versprochen, wenn er ihre Eltern im Schlaf ersticht. Seine Schuhabdrücke fand die Polizei am Tatort, seine DNA unter den Fingernägeln des Vaters. Gegen die Hauptverdächtige gibt es keine physischen Beweise. Sie habe ihren Freund "angeleitet und gelenkt", sagt Staatsanwältin Jessica Wenna. Die Frau bestreitet alle Vorwürfe, doch ein Alibi fehlt. Ende August hat die Polizei das Paar in einem Hotel in Norwegen festgenommen, seither sitzt es in Haft.

Fast zur selben Zeit entschied die Staatsanwaltschaft, sich einen alten Todesfall noch einmal genauer anzusehen: Im August 2015, fast genau ein Jahr vor dem Mord am Vater, war der Ehemann der 42-Jährigen im See neben dem Sommerhaus ertrunken. Jedenfalls vermutete das die Polizei damals. Sie fand die Leiche im flachen Wasser, mit viel Alkohol im Blut, und ging von einem Unfall aus. Verdacht schöpfte nur die Versicherung des Opfers: Denn bereits vier Tage nach dem Todesfall forderte die Witwe die Lebensversicherung ihres Mannes ein, rund zwei Millionen Kronen, etwa 200 000 Euro. Normalerweise, sagte sich das Unternehmen, brauchen Hinterbliebene mehr Zeit, bevor sie ans Geld denken.

Die Police hatte die Frau erst im Januar 2015 abgeschlossen. Rückblickend erscheint es verdächtig, dass der Ehemann bereits im Februar auf einer gemeinsamen Reise so krank wurde, dass er früher nach Hause musste. Hat sie damals versucht, ihn zu vergiften? Die Staatsanwälte argumentieren, der Mann habe sich vor seiner Frau gefürchtet. Als er starb, hatte er sie bereits für eine andere verlassen. Die Hauptverdächtige habe seit einiger Zeit nach Helfern für einen Mord gesucht und unter anderem ihre Kinder gefragt, sagen die Staatsanwälte. An jenem Abend im August 2015, als er ertrank, waren offenbar zwei ihrer Kinder mit der Frau und ihrem mutmaßlichen Opfer in dem Sommerhaus. Die Tochter hatte wohl ihren Partner mitgebracht, der jetzt auch unter Verdacht steht.

Die Versicherung weigerte sich schließlich, das Geld auszuzahlen. Die Nachricht kam Ende Juli 2016 - eine Woche vor dem Messerangriff auf die Eltern. Die Unterschrift des Toten sei gefälscht, die Umstände dubios, so das Unternehmen. Im November 2016, während die Frau bereits als Verdächtige für den Vatermord in Haft saß, öffneten die Ermittler bei Schnee und Eis das Grab des Ehemanns. Das Wasser, das sie in seiner Lunge fanden, stammte nicht aus dem See. Hat die Frau ihn betrunken gemacht und in der Badewanne ertränkt? Wer hat ihr geholfen? Musste ein Jahr später ihr Vater sterben, weil der Versicherungsbetrug misslang? Klar ist, dass die Hauptverdächtige weit über ihre Verhältnisse lebte. Ihr Vater war ein erfolgreicher Unternehmer. Sie würde wohl erben.

Hinzu kommt, dass die 42-Jährige auch noch versucht haben soll, Gefängnismitarbeiter zu bestechen, damit sie Nachrichten ungeprüft durchließen. Zeitungen haben die Briefchen abgedruckt, sie soll darin versucht haben, die Aussagen ihres Ex-Freundes und ihrer Kinder zu manipulieren. Am ersten Prozesstag aber ging es nur um den mutmaßlichen Mord am Ehemann, den sie wie alles andere bestreitet. Die Verhandlung soll bis Ende Juni dauern.

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