Kriminalität Brasilianische Polizisten bleiben zu Hause

  • Die Polizei im südostbrasilianischen Bundesstaat Espírito Santo fordert mehr Lohn - und hat die Arbeit niedergelegt.
  • In der Gegend herrscht deshalb Chaos. Die Zahl der Verbrechen, insbesondere auch der Morde, ist sprunghaft angestiegen.
  • Inzwischen protestieren Teile der Bevölkerung gegen die Zustände, andere Demonstranten unterstützen die Polizisten bei ihren Lohnforderungen.
Von Benedikt Peters

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, das wusste schon der englische Philosoph Thomas Hobbes, als er 1651 sein berühmtestes Werk veröffentlichte, den "Leviathan". Der Grundgedanke: Ein starker Staat ist nötig, weil er Ordnung schafft. Ohne ihn herrschen Chaos, Mord und Totschlag.

Dass Hobbes recht gehabt haben könnte, zeigt sich in diesen Tagen im Bundesstaat Espírito Santo im Südosten Brasiliens. Das Netz ist voll von Bildern und Videos aus der Hauptstadt Vitória, in denen Autoreifen brennen, Schüsse fallen und Menschen wie wild in Geschäfte rennen, um alles mitzunehmen, was sie tragen können. Der Staat hat sich zurückgezogen, zumindest in seiner sichtbarsten Form: der Polizei.

Das Chaos begann Ende vergangener Woche, als die Polizisten ihre Arbeit niederlegten. Seitdem kommt es nicht nur immer häufiger zu Plünderungen und Ausschreitungen, sondern auch zu Morden. Espírito Santo war zwar auch vor dem Polizeistreik kein beschaulicher Ort, an einem durchschnittlichen Tag im Januar wurden vier Menschen getötet, schreibt die Zeitung Folha de São Paulo. Seit dem Streik aber sind es noch viel mehr. Vergangenen Samstag gab es acht Morde, vergangenen Sonntag 17, am Montag sogar 42. Insgesamt kamen seit Beginn des Polizeistreiks mindestens 75 Menschen ums Leben. Das rechtsmedizinische Institut in der Provinzhauptstadt Vitoria ist örtlichen Medienberichten zufolge überfüllt.

Streng genommen streiken nicht die Polizisten - sondern ihre Ehefrauen

Eigentlich dürfen Polizisten in Brasilien nicht streiken, genau wie in Deutschland ist es Beamten per Gesetz verboten. Die Polizisten in Espírito Santo haben jedoch eine Lösung gefunden, die man, wäre die Angelegenheit nicht so ernst, fast schon kreativ nennen könnte. Strenggenommen, so die Lesart der Polizisten, sind es gar nicht sie, die streiken. Sondern ihre Ehefrauen. Diese haben die Polizeiquartiere blockiert, an den Ausfahrten Bauzäune aufgestellt und sich versammelt. Die Polizisten teilten daraufhin mit, sie könnten leider nicht zum Dienst ausrücken. So geht das nun seit fünf Tagen.

Polizisten sind in Brasilien schlecht bezahlt, und die Polizisten von Espírito Santo gelten als die am schlechtesten bezahlten im Land. Sie, beziehungsweise ihre Ehefrauen, fordern bis zum Jahr 2020 eine Lohnangleichung um 65 Prozent.

Der Sicherheitsminister von Espírito Santo, André García, nennt den Streik der Polizisten "Theater" und "Erpressung". "Sie wetten auf das Chaos, um die Regierung unter Druck zu setzen und die Bevölkerung in die Knie zu zwingen", sagte García. Inzwischen kommt es in der Stadt zu größeren Demonstrationen. Die einen setzen sich für die Forderungen der Polizisten ein, die anderen wollen die Polizisten dazu drängen, den Dienst wiederaufzunehmen. Das ist aber bisher nur in einigen kleineren Orten passiert, in und um Vitória geht das Chaos munter weiter. Der Staat hat Soldaten auf die Straßen geschickt, um wieder für Sicherheit zu sorgen, doch Morde und Plünderungen halten an.

Das Chaos könnte noch einige Zeit weitergehen

Seit diesem Mittwoch fahren auch keine Linienbusse mehr. Der Chef der zuständigen Gewerkschaft begründet das damit, dass er die Sicherheit seiner Fahrer nicht garantieren könne. Ihnen seien in den vergangenen Tagen Pistolen an den Kopf gehalten und Fahrzeuge gestohlen worden, schreibt er auf Twitter.

Es ist nicht der erste Gewaltausbruch, der Brasilien in jüngerer Vergangenheit erschüttert. Bei mehreren Gefängnisrevolten im Norden des Landes hat es seit Jahresende mehr als hundert Tote gegeben.

Die Regierung von Espírito Santo hat inzwischen den örtlichen Polizeichef entlassen und versucht, auf die Streikenden zuzugehen. Am Freitag soll ein Gespräch stattfinden, öffentlich aber werfen sich beide Seiten Unnachgiebigkeit vor. Das Chaos könnte also noch einige Zeit weitergehen.

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