Von Helmut Martin-Jung

So genannte Killerspiele zu verbieten, geht am wahren Kern des Problems vorbei.

Es dauerte nur bis zum Nachmittag, bis der erste Politiker sich meldete und forderte, was immer gefordert wird. "Killerspiele verbieten", heißt es reflexartig immer dann, wenn wieder einmal ein Jugendlicher ausrastet, von dem man weiß, dass er Computerspiele gespielt hat, die in diese Schublade eingeordnet werden.

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Wer so denkt, wer diesem Reflex nachgibt, ist des Beifalls von besorgter, aber uninformierter Seite sicher. Und zielt am wahren Kern des Problems vorbei. Denn nicht die Spiele machen Kinder und Jugendliche zu Tätern, sondern Kinder und Jugendliche, die zu Tätern werden, nutzen die Computerspiele als eine ihre möglichen Fluchten.

Was für die offenbar schwer seelisch gestörten jungen Menschen gilt, die unvermittelt ausrasten und unfassbare Taten begehen wie die Massenmorde in Erfurt oder im amerikanischen Littleton, das gilt auch für Kinder und Jugendliche, die den Spielen in Form einer Sucht verfallen.

Es sind die Defizite in der Familie und in ihrem gesellschaftlichen Umfeld, die sie in die Welt der Spiele flüchten lassen, nicht eine Art Sog des Bösen, der von Computerspielen ausgeht.

Wer aber nun ergründen will, warum Jugendliche und junge Erwachsene zu solchen Taten fähig werden, der wird danach fragen müssen, wie es sein kann, dass eine nicht geringe Zahl junger Menschen ganz offenbar keinen Sinn am Leben zu erkennen vermag, dass diese jungen Menschen keinen Platz finden in der Gesellschaft, und weil sie keinen Platz finden, gerieren sie sich so, als wollten sie auch keinen Platz finden - dabei suchen sie nichts sehnlicher als das.

Die Gründe dafür - soviel lässt sich sagen - sind vielschichtig und es ist höchst umstritten, wie man gegensteuern kann. Nur eines steht fest: Mit einfachen Antworten ist nicht zu rechnen und nichts gewonnen.

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(sueddeutsche.de)