Von Von Wolfgang Roth

Liebhaber anspruchsvoller Systemtechnik könnten Tausende von Kugeln mit hoher Geschwindigkeit auf nebeneinander verlaufende Bahnen schicken. Wenn diese Kugeln dann noch häufig die Bahn wechseln, wenn außerdem die einen doppelt so schnell unterwegs sind wie die anderen, dann ist das eine große Herausforderung, die nur mit ausgefeilter Elektronik zu steuern ist. Menschen sind aber nicht elektronisch gesteuert.

Sie sind der Vernunft zugänglich, aber auch unvollkommen, eitel, rechthaberisch, manchmal müde, bisweilen aggressiv. So werden sie auf den Straßen aufeinander losgelassen - geübte Fahrer und blutige Anfänger, schneidige 20-Jährige und ältere Herrschaften.

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Das, was sie auf den Autobahnen am meisten trennt, ist aber das Tempo; die einen halten sich an die empfohlene Richtgeschwindigkeit, die anderen ziehen mit 250 Sachen an ihnen vorbei. Deshalb ist es so anstrengend, auf Deutschlands Autobahnen zu fahren - mitunter auch lebensgefährlich.

Tolerierte Normalität

Dass das nicht zusammenpasst, ist klar und trotzdem tolerierte Normalität. Sind die Folgen so brutal wie im Fall des vom Amtsgericht Karlsruhe zu anderthalb Jahren Haft verurteilten Versuchsingenieurs, tritt es schlaglichtartig ins Bewusstsein einer Nation, die weltweit einzigartig ist, weil sie kein Tempolimit auf Autobahnen vorschreibt.

Die Entscheidung selbst bewegt sich im oberen Bereich des Rahmens, den die Rechtsprechung für fahrlässige Tötung im Straßenverkehr vorsieht; die Rücksichtslosigkeit der Tat und der Tod zweier Menschen rechtfertigen es aber allemal, eine Bewährungsstrafe zu versagen. Was die Indizienkette angeht, die das Urteil zusammenhält, so ist sie von der Stabilität, die auch anderen Schuldsprüchen zu Grunde gelegt wird.

Unabhängig von persönlicher Schuld wirft der Fall prinzipielle Fragen auf. Wer flott fährt, ist noch kein rücksichtsloser Raser, sonst wäre der Tod allgegenwärtig. Nötigung durch dichtes Auffahren ist aber so verbreitet, dass der Polizei bei ihren gelegentlichen Kontrollen nicht langweilig wird. Der Grad der Nötigung aber, die Gefahr, die von ihr ausgeht, wächst im Straßenverkehr mit der Geschwindigkeit, das ergibt sich aus ehernen physikalischen Gesetzen.

So mancher rechtfertigt sein illegales Handeln vor sich selbst damit, dass ihn ein anderer in legalen Freiheitsrechten beschränke. Wo nur ein Verkehrsschild oder die Technik des Autos Grenzen setzen, erscheint der langsamere Fahrer auf der linken Spur als unzumutbares Hindernis, ja: als der eigentliche Aggressor.

Tempolimit verringert Zahl der Unfälle

Wenn ein Tempolimit keine demokratische Mehrheit im Land findet, hat eben der Souverän gesprochen. Traurig ist aber, dass viele Politiker diesen Zustand perpetuieren, obwohl sie keine vernünftigen Gründe ins Feld führen können.

Deutschlands Autobahnen sind sicherer als andere? Gut so, aber was spricht dagegen, sie noch sicherer zu machen? Jeder Streckenversuch mit Tempolimits hat bisher ergeben, dass die Unfallzahlen sinken. Man kann ohnehin nur noch auf wenigen Kilometern so schnell fahren, wie man will?Wenn das so ist, dann kommt es auf den Rest auch nicht mehr an und man kann sich einen guten Teil des Schilderwalds ersparen.

Was nutzt ein Tempolimit, wenn sich nicht alle dran halten und die Polizei sich eine effiziente Kontrolle nicht leisten kann? Mit der Begründung kann man sich dann aber auch die Geschwindigkeitsbegrenzungen an Baustellen und anderen Gefahrenstellen sparen. Im Übrigen: Seit wann bestimmen potenzielle Gesetzesbrecher, was Gesetz werden soll?

Deutsche Autos lassen sich nur verkaufen, wenn sie im Alltag ihre Tempohärte unter Beweis stellen können? Heiliger Christophorus, was für ein Argument! Dafür gibt's den Nürburgring und den Sachsenring und als Beleg für Qualität die Statistiken des TÜV und des ADAC. Letztere fallen nicht immer so prächtig aus für die Wagen made in Germany. Dafür können sich Amerikaner in München einen Flitzer leihen und - einmal Garmisch und zurück - den Nervenkitzel haben, den es nur hier gibt. Allerdings raten manche Reiseveranstalter im Ausland davon ab: Wer's nicht gewöhnt ist, der stößt schnell an seine Grenzen.

Deutschlands Autofahrer scheinen nicht ausgelastet zu sein, wenn sie festen Boden unter den Füßen haben. Wie anders ist die Lust daran zu erklären, ständig höchste Konzentration aufzuwenden, um zwischen den Karawanen der Trucks und den Beherrschern der linken Spur seinen Weg zu finden.

Programmierte Staus

Ein deutsches Phänomen: Keiner traut sich zwischen die Lastwagen auf die rechte Spur, weil er dort ewig festgenagelt wird; links tanzen dann die Bremslichter im steten stop and go, Staus sind programmiert. Man gönne sich einmal eine Fahrt durch die Schweiz: Weil sich praktisch alle in einem Geschwindigkeitskorridor von 120 bis 150 Kilometer pro Stunde bewegen, ist entspannter Fahrbahnwechsel möglich, der Verkehr läuft zügig.

Ein gemeingefährlicher Fahrer kann nicht der Anlass sein, das Verhalten aller anders zu regeln. Dafür bedarf es gewichtigerer Gründe, und an denen mangelt es nicht. Letztlich bedeutet der Verzicht auf ein Tempolimit, dass schnelle und langsame Fahrer bei jedem Fehler in größerer Gefahr schweben - egal, wer diesen Fehler verursacht hat.

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(SZ vom 19.02.2004)