Körperspende für die Wissenschaft Als Leiche in die Lehre

Viele Menschen in Deutschland wollen ihren Leichnam der Wissenschaft spenden. Zu viele. Dabei müssen Spender sogar zahlen, um nach ihrem Tod seziert zu werden.

Von Caro Lobig

Zuerst wird die Haut entfernt, dann das Körperfett. Muskeln und Knochen werden freigelegt. Am Ende liegt nur noch der Kopf auf dem Tisch. So beschreibt Kevin Tourelle, Medizinstudent an der Universität Heidelberg, einen Präparierkurs. Dieser ist Teil der ärztlichen Ausbildung in der Anatomie. Um die Leichen für das Sezieren haltbar zu machen, wird ihnen vorab das Fixierungsmittel Formalin gespritzt. Ständig müssen die Leichen befeuchtet werden, wie Tourelle erklärt, sonst schimmeln sie schnell.

Vor Beginn seines Studiums wollte der Student Körperspender werden. Er schätze es, dass Menschen ihre Körper der Wissenschaft spenden und Studierende wie er an ihnen üben können. "Es gibt kein vergleichbares Objekt zum menschlichen Körper." Doch nachdem er zusammen mit Kommilitonen eine Frau ein Semester lang "komplett durchpräpariert" hat, ist er sich nicht mehr sicher, ob er seinen Leichnam der Lehre überlassen will. Bei der Vorstellung, selbst einmal auf so einem Seziertisch zu liegen, habe er ein komisches Gefühl. "Ich habe mich mit der Zeit vor mir selbst erschrocken, weil ich beim Präparieren einfach abgespult habe, was mir beigebracht wurde."

Angehörige entlasten

In Deutschland bieten viele Menschen ihren Körper den Anatomie-Instituten an - viel zu viele. Sei es, um die Forschung zu unterstützen, oder um ihren Nachkommen die Bestattungskosten zu ersparen. Doch was die meisten nicht wissen: Den Spender kostet die Gabe eine Gebühr, auch wenn diese weit unter den Preisen für eine Beisetzung liegt. Das liegt unter anderem daran, dass die Krankenversicherungen seit 2004 kein Sterbegeld mehr zahlen. Vorher wurden die Angehörigen der Verstorbenen - und somit auch die Institute - mit 525 Euro bei der Bezahlung der Beerdigung unterstützt. Viele Institute können nun nicht mehr alleine für die Kosten aufkommen: Der gespendete Körper muss konserviert und nach dem Sezieren beerdigt werden. Tourelles Universität in Heidelberg ist eine von wenigen in Deutschland, die für Körperspenden keinen Beitrag erhebt.

"Pro Tag rufen zwei bis vier Leute an, die ihren Leichnam unserem Institut zu Verfügung stellen wollen", erzählt Joachim Kirsch, Direktor des Instituts für Anatomie und Zellbiologie der Universität Heidelberg. Von mehreren Hundert Angeboten könne die Universität pro Jahr nur etwa 120 Körper annehmen. Kirsch sagt: "Der Dekan und ich sind der Meinung, dass man für so eine großherzige Spende kein Geld fordern sollte."

Mit der Spende noch etwas Gutes tun

Andere Institute verlangen von den Spendern mehrere Hundert Euro. So auch die Anatomische Anstalt der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Sie erbittet eine "Zuzahlung von 1150 Euro zu den Bestattungskosten". Im Vergleich zu einer normalen Bestattung ist das noch günstig. Grabstein, Begräbnis und Trauerfeier kosten normalerweise mehrere Tausend Euro, die Grabpflege nicht eingerechnet.

Auch in Berlin kostet es Geld, seinen Körper zu spenden. Die Universität dort bittet sogar schon bei der "Vereinbarung über die Körperspende" um eine Vorauszahlung. Je nach Friedhof müssen Bereitwillige dort zwischen 900 und 1300 Euro für ihre Bestattung zahlen. Gerade das Berliner Institut für Anatomie brauche viele Körper, da dort viele Fortbildungen für Ärzte stattfänden, erklärt Martina Plaschke, Zuständige für den Bereich Körperspende. Sie sagt: "Manche wollen mit ihrer Spende noch etwas Gutes tun, andere sehen es ganz pragmatisch und möchten damit ihre Angehörigen entlasten."

Die Bedingungen für Körperspender sind streng, die anatomischen Institute wählen genau aus. Professor Kirsch von der Universität Heidelberg sagt: "Wir nehmen nur Körperspenden von über 50-Jährigen aus Heidelberg und Umgebung an, die eines natürlichen Todes gestorben sind und keine infektiösen Krankheiten hatten." Am Spenderkörper sollten außerdem noch alle Gliedmaßen dran und die wichtigsten Organe drin sein. "Wenn der Blinddarm fehlt, ist das nicht so schlimm."

"Don't take your organs to heaven"

Während die anatomischen Institute täglich Körper ablehnen müssen, nimmt die Zahl der Organspender immer weiter ab. Zwischen 2003 und 2012 sank die Zahl um fast 14 Prozent. Pro Tag sterben in Deutschland drei Patienten, weil ihnen kein neues Organ transplantiert werden konnte. Der Medizinstudent Kevin Tourelle will daher nach seinem Tod alles spenden, was infrage kommt. Seinen Organspenderausweis trägt er immer bei sich.

Professor Kirsch glaubt, dass mögliche Spender durch den Organspende-Skandal im vergangenen Jahr, als Ärzte die Wartelisten manipuliert haben, "das Vertrauen in die gute Maßnahme" verloren haben. Wie die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) mitteilt, wurden 2013 bisher etwa 2800 Organe gespendet, während immer noch 11.000 Patienten auf der Warteliste stehen.

Der Heidelberger Anatomie-Professor weiß um den Mangel an Organspendern. In seinem Büro hat er einen Spruch aufgehängt, den er auch an seine Studierende weitergibt: "Don't take your organs to heaven, god knows, we need them here".