Die Räumarbeiten am Kölner Stadtarchiv kommen voran, die Feuerwehr aber muss weiter vorsichtig sein - in der Nacht hat sich ein der Unglücksstelle nahes Gebäude geneigt. Unterdessen äußert sich die Familie eines Vermissten.

Die Einsturzstelle des Kölner Stadtarchivs ist so weit gesichert worden, dass noch am Abend mit der Suche nach den beiden Vermissten begonnen werden sollte. Die Familie eines der beiden Vermissten teilte mit, dass sich der junge Mann zum Zeitpunkt des Unglücks wohl in seiner Wohnung in einem der ebenfalls eingestürzten Nachbarhäuser befunden habe. "Wir als Khalils Familie und viele seiner Freunde bangen um Khalils Leben und hoffen, dass er vielleicht doch lebend geborgen werden kann", schrieb die Familie.

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Feuerwehrleute vor den Trümmern des Kölner Stadtarchivs: Einsatz unter Lebensgefahr. (© Foto: ddp)

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Ob sich die Männer tatsächlich unter den Trümmern befinden, steht allerdings noch nicht fest. Drei auf menschliche Gerüche abgerichtete Suchhunde haben aber offenbar angeschlagen, zwei an derselben Stelle, wie ein Sprecher der Einsatzkräfte sagte.

Mit schwerem Räumgerät und Baggern wurden seit dem frühen Morgen zunächst die Überreste des Nachbarhauses Severinstraße 218 abgetragen, teilte die Feuerwehr mit. Der Abriss müsse sehr vorsichtig Stück für Stück erfolgen. Danach arbeite man sich "von der Rückseite an das Haus auf der linken Seite mit der Hausnummer 230 heran", sagte Einsatzleiter Frank Stobbe. "Wir arbeiten hier immer noch unter Lebensgefahr." Die Sicherheit der Einsatzkräfte nicht zu gefährden, habe Priorität.

Am Morgen wurde bekannt, dass sich das Vordach eines unmittelbar benachbarten Gymnasiums in der Nacht zum Donnerstag um zwei Millimeter abgesenkt hatte, so dass es vorsorglich abgestützt wurde.

Die Sicherungsarbeiten am Erdkrater seien schneller als gedacht vorangegangen; in der Nacht seien die letzten Betonmengen zur Stabilisierung des Untergrunds eingefüllt worden, insgesamt 1600 Tonnen, sagte ein Pressesprecher der Stadt. Mit dem Beton sollte verhindert werden, dass der Boden an der Einsturzstelle erneut nachgibt.

Dort sollen im Lauf des Tages die Trümmer beseitigt und gleichzeitig Bestände des Stadtarchivs gesichert werden. Zum Schutz vor dem starken Regen, der in Köln eingesetzt hat, wurden Planen über die Trümmer gelegt. Laut Feuerwehrsprecher Leupold kam am Vormittag eine zweite Plane hinzu. Außerdem soll ein Notdach errichtet werden, wie Oberbürgermeister Fritz Schramma sagte.

Am Morgen hat Jürgen Rüttgers die Unglücksstelle in Köln besichtigt. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident sprach den Betroffenen sein Mitgefühl aus. "Das Unglück zeigt, dass eben doch nicht alles planbar ist", sagte Rüttgers. Mit Blick auf die verschütteten Dokumente des Archivs sprach der Ministerpräsident von einer "kulturellen Katastrophe" und versprach finanzielle Hilfe des Landes.

Schramma für Weiterbau

An der Unglücksstelle war auch Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) anwesend, der den Anwohnern, die ihre Wohnungen wegen Einsturzgefahr verlassen mussten, unbürokratische Hilfe zusagte. "Wir können die Leute jetzt nicht mit bürokratischem Gedöns aufhalten, dass sie tausend Anträge stellen müssen", sagte er.

Nachdem Kölns OB direkt nach dem Einsturz Zweifel am Nord-Süd-Stadtbahn-Projekt geäußert hat, sprach er sich nun wieder für eine Fertigstellung aus. "Am Ende muss die U-Bahn so fertiggestellt werden, wie sie geplant war", sagte er. Allerdings plädierte er für eine "temporäre Atempause". Die Kölner Verkehrsbetriebe und die Bauunternehmen müssten den Bau nun erst einmal unterbrechen und alle Gefahrenpunkte noch einmal durchgehen. Die Bevölkerung sei beunruhigt. sagte er.

Die Suche nach der Unglücksursache kommentierte Jürgen Rüttgers zurückhaltend: Man solle sich an den Sachverhalten orientieren und nicht spekulieren. Das Archivgebäude war am Dienstag nach vorn gekippt und in dem 28 Meter tiefen Schacht einer U-Bahn-Baustelle versunken. Ein Zusammenhang des Unglücks mit der Baustelle gilt als wahrscheinlich.

Gefahr für einige Gebäude gebannt

Die Reste der angrenzenden Häuser seien sehr viel fragiler als zunächst angenommen, sagte ein Sprecher der Feuerwehr. Das hätten Messungen mit Spezialgeräten am Mittwoch ergeben.

Die Feuerwehr hatte den Anwohnern am Mittwochabend erlaubt, einzelne Gebäude im Umfeld der Einsturzstelle wieder zu betreten. Für ein benachbartes Altenheim sowie für einige Wohngebäude am Georgsplatz bestehe keine Gefahr mehr, hieß es.

Am Abend und in der Nacht hatten Helfer außerdem den Trümmerberg im südlichen Teil des Unglücksortes mit Planen provisorisch abgedeckt. So soll das wertvolle Archivmaterial unter dem Schutt vor dem Eindringen von Wasser geschützt werden. Am Donnerstagvormittag regnete es an der Unfallstelle.

Feuerwehrdirektor Stefan Neuhoff hatte am Mittwoch gesagt, in dem Bauschacht sei aus unbekannten Gründen eine Öffnung entstanden, in die große Mengen Erde nachgerutscht seien. Dadurch sei dem Historischen Archiv praktisch der Boden entzogen worden, so dass es umkippte und zwei angrenzende Häuser mit sich riss.

In der Baugrube entsteht eine Weichenanlage, an der die sogenannten U-Straßenbahnen der Nord-Süd-Stadtbahn von der einen in die andere Röhre wechseln können.

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(sueddeutsche.de/dpa/Reuters/grc/cat)