Eine kulturelle Katastrophe von unvergleichlichem Ausmaß: Archiv-Mitarbeiter haben vor der Einsturzgefahr des Kölner Stadtarchivs gewarnt - nun sind kostbare Dokumente zerstört.
Der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln ist eine kulturelle Katastrophe von unvergleichlichem Ausmaß. In dem unscheinbaren Plattenbau am oberen Ende der Severinstraße in der Kölner Südstadt wurden historische Dokumente aufbewahrt, die zu den bedeutendsten weltweit gehörten.
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Der kulturelle Verlust, der ihre Zerstörung für ganz Europa bedeutet, lässt sich noch nicht einmal ansatzweise ermessen. In den zusammen 18 Kilometer langen Rollregalsystemen der sechs eingestürzten Archivetagen im Magazingebäude wurden päpstliche Sendschreiben und mittelalterliche Stadturkunden aufbewahrt. Dort befanden sich die lückenlos geführten mittelalterlichen Ratsprotokolle seit 1376, die sogenannten "Schreinszeugnisse", die als Ursprung europäischer Rechtsgeschichte angesehen werden.
Zu den wertvollsten Handschriften gehören jene des Philosophen und Kirchenlehrers Albertus Magnus. Außerdem war im Historischen Archiv der Stadt auch die gesamte Geschichte ihrer Zugehörigkeit zur mittelalterlichen Hanse dokumentiert. All diese Unterlagen - zum Teil auch hauchdünnem Pergament - schaffte es die Stadt Köln unter Mühen über den Krieg zu retten. Die Archivbestände wurden damals ausgelagert.
Das Archiv bewahrte mehr als 750 Nachlässe und Teilnachlässe, darunter jene von Heinrich Böll, Jacques Offenbach und Vilém Flusser. Dort lagen die Unterlagen Konrad Adenauers aus seiner Zeit als Oberbürgermeister und die Korrespondenz, die der in Köln geborene Literaturwissenschaftler Hans Mayer unter anderem mit Paul Celan und Günter Grass geführt hat. Berühmte Architekten wie Gottfried Böhm und Wilhelm Riephahn vertrauten der Stadt ihre Unterlagen an. Das Redaktionsarchiv der Rheinischen Zeitung von Karl Marx konnte hier eingesehen werden. Die meisten dieser Kulturgüter sind ersten Erkenntnissen zufolge unwiederbringlich zerstört, denn das Archivgebäude stürzte komplett auf den Waidmarkt. Bislang durften Mitarbeiter des Archivs den Unglücksort noch nicht betreten, um festzustellen, ob noch etwas gerettet werden könnte.
Schwere Vorwürfe gegen die Stadt Köln erhob im Deutschlandfunk der ehemalige Abteilungsleiter des Historischen Archivs der Stadt Köln, Eberhard Illner, der inzwischen das Stadtarchiv Wuppertal leitet. Er wies darauf hin, dass Mitarbeiter bereits seit Anfang vergangenen Jahres im Keller des Gebäudes Setzrisse festgestellt hätten, die sich verbreiterten. Statiker hätten aber festgestellt, dass keine Gefahr bestehe.
Diese Einschätzung wurde nach Auskunft eines anderen Archivmitarbeiters erst in der vergangenen Woche nach einer Begehung noch einmal bestätigt. Sie fand statt, weil sich das Gebäude um mehr als zehn Zentimeter abgesenkt hatte.
"Gedächtnis der Stadt"
Das Gebäude selbst, im Jahr 1971 erbaut, war völlig intakt und angeblich auf dem aktuellen technischen Stand. Das Haus wurde nach seiner Eröffnung wegen seiner zweckmäßigen Konstruktion als "Kölner Modell" zum Vorbild für viele Archivbauten in aller Welt. Probleme, so Eberhard Illner, hätten sich erst im Zusammenhang mit dem U-Bahn-Bau gezeigt. Die daraufhin beauftragten Gutachter hätten Zuständigkeiten zwischen der Stadt und den Kölner-Verkehrsbetrieben (KVB) hin- und hergeschoben und dabei offensichtlich nicht die Brisanz der Signale erkannt - oder sie falsch eingeschätzt: "Nun ist das Gedächtnis einer europäischen Stadt verloren. Ich hoffe, aber ich glaube nicht, dass fragile Dokumente und Urkunden unter Tonnen von Beton und Stahl eine Chance haben."
Vergleiche mit dem Brand der Anna- Amalia-Bibliothek seien nicht zu hoch gegriffen: "Hier sind über eintausend Jahre Kulturgeschichte zerstört worden." Beim Bau des Gebäudes wurde im Kellergeschoss ein kleiner, angeblich atomwaffensicherer Bunker installiert, in den sich im Notfall der Archivleiter mit den wichtigsten Stücken hätte zurückziehen sollen. In den vergangenen Jahren wurden dort Putzmittel gelagert.
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(SZ vom 04.03.2009)
Worum es aus meiner Sicht aber in den nächsten Tagen geht: Die Öffentlichkeit muss permanent mit der Tatsache, dass hier in Köln gerade ein Kulturerbe von internationalem Rang weitestgehend zerstört wurde, konfrontiert werden. Und dass nun alle erdenklichen Anstrengungen unternommen werden müssen zu retten, was noch zu retten ist. Das hat noch längst nicht jeder Verantwortliche in Stadt, Land und Bund verstanden. Dabei müssen unverzüglich, sind erst einmal die Verschütteten gerettet oder geborgen, die Arbeiten zu Sicherung des historischen Materials mit unverminderter Kraft fortgesetzt werden. Ich habe die Sorge, dass das anders als bei der Anna Amalia Bibliothek nicht begriffen wird. Und also nicht passieren wird. Ich hoffe, ich irre mich. Die Schwierigkeit besteht ja nun gerade darin, der breiten Öffentlichkeit und den entscheidenden Entscheidern klar zu machen, dass es sich hier nicht um den Einsturz irgendeines Stadtarchivs, nicht um den Einsturz irgendeines maroden 70er-Jahre-Gebäudes handelt. Anders als bei der Anna Amalia ist aber das, was den Wert des Historischen Archivs ausmacht, nicht ganz so leicht sichtbar zu machen, medial zu transportieren. Dort eine Rokoko-Lesesaal, hier "nur" ein hässliches Gebäude von 1971. Dort ein klar definiertes nationales Kulturerbe, hier "nur" ein scheinbar lokales Stadtarchiv. Dagegen muss angearbeitet werden. Herr Illner hat diesen Aspekt gestern in seinen Interviews als erster und bisher einziger so deutlich gemacht. Dafür gehört ihm gehörigen Respekt gezollt. Viele sollten ihm zur Seite springen. Heute sind selbst Fragen nach der technischen und politischen Verantwortung zunächst zweitrangig. Denn erst muss der Wettlauf mit der Zeit und gegen den Regen gewonnen werden. Erst dann sollte man die Schuldfrage klären. Das ist die höchstwahrscheinlich die leichteste Übung. Heute Nacht sind 1000 Tonnen Beton zur Sicherung des Gebäudes eingeführt worden, damit die Bergung der Verschütteten gelingen kann. Eine riesige Kraftanstrengung. Das ist gut so. Es wäre gut, wenn morgen weitere 1000 Tonnen Beton wenn das denn die Lösung wäre über den gesamten Komplex gekippt werden, um alles darunterliegende zunächst einzufrieren, zu konservieren. Und dann sollten Archäologen von mir aus Jahre damit verbringen, mit Löffelchen und Pinseln die Schätze wieder auszugraben. Wir Kölner können gerne noch das eine oder andere Jahr auf die neue U-Bahn warten.
zum glück haben sie ja jetzt genug putzmittel, um alles wieder sauber zu machen!!
Bitter, bitter, bitter ist, was in Köln passiert ist. Aber jetzt ist es zu spät. Das einzige, was für München als Lehre bleibt: Keine zweite Röhre unter der Innenstadt! Die Stadtverwaltung und der Stadtrat werden natürlich jetzt täglich herunterbeten, daß in München sowas nicht passieren kann, aber denen glaubt niemand mehr etwas.