Köln Tief im Untergrund

Gut acht Jahre nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs im Jahr 2009 stehen die Angeklagten jetzt fest.

Von Jan Bielicki, Düsseldorf

Als sich 28 Meter tief unter der Severinstraße in der Kölner Südstadt plötzlich der Boden ihrer Baustelle anhob, rannten die Arbeiter um ihr Leben. Einige hielten den Verkehr an, einer lief ins Gebäude des Kölner Stadtarchiv und rief: "Alles raus hier!" Die Mitarbeiter retteten sich keine Minute zu spät ins Freie. Um 13.58 Uhr an diesem 3. März 2009 stürzten der siebenstöckige Archivbau und zwei Nachbarhäuser in die U-Bahn-Baustelle. Der 17-jährige Bäckerlehrling Kevin K. in seiner Wohnung unter dem Dach eines der Wohnhäuser und der 24-jährige Designstudent Khalil G. in seiner Mansardenwohnung daneben hatten keine Chance. Erst Tage später konnten Retter ihre unter tonnenschwerem Schutt begrabenen Leichen bergen. Im Dreck und im Grundwasser lagen auch mehr als 30 Regalkilometer Dokumente des größten kommunalen Archivs nördlich der Alpen, darunter wertvolle, bis zu 1000 Jahre alt Schriftstücke. Den materiellen Schaden beziffert die Stadt auf 1,2 Milliarden Euro.

Für die Staatsanwaltschaft steht fest: Pfusch beim U-Bahn-Bau verursachte den Einsturz

Gut acht Jahre später hat nun die Staatsanwaltschaft Köln Anklage gegen sechs Männer und eine Frau erhoben, die sie für den Einsturz des Archivgebäudes und den Tod der zwei jungen Männer verantwortlich macht. Zwei der Angeklagten sind Bauarbeiter, die fünf anderen waren für die Aufsicht an der U-Bahn-Baustelle zuständig. Für die Staatsanwälte ist klar: Pfusch am Bau verursachte den Einsturz. Sie werfen den Beschuldigten fahrlässige Tötung und Baugefährdung vor, wie ihre Behörde am Mittwoch mitteilte.

Die Anklage stützt sich auf ein vor zwei Wochen vorgestelltes Gutachten und datiert den ursächlichen Fehler, der zur Katastrophe führte, in den frühen September des Jahres 2005. Damals wurden die sogenannten Schlitzwände betoniert. Die bis auf eine weitgehend wasserundurchlässige Gesteinsschicht heruntergetriebenen Schutzwände halten Grundwasser aus der Baugrube und stützen den umliegenden Boden. Beim Aushub für die Wandlamelle Nummer elf aber stieß laut Anklage der Greifbagger auf ein Hindernis. Doch anstatt die Arbeiten abzubrechen und entsprechend den Regeln die Bauleitung zu informieren, gruben die Arbeiter demnach eigenmächtig weiter. Unter dem Hindernis aber konnte das Erdreich nicht ordentlich ausgehoben und die Lücke nicht regelgerecht mit Eisen bewehrt und mit Beton ausgegossen werden. Es entstand, so drückt es die Staatsanwaltschaft aus, eine "Erdplombe". Und diese soll an jenem Märztag dreieinhalb Jahre später schlagartig nachgegeben haben, mit katastrophalen Folgen: Durch die Lücke spülte Grundwasser laut diesem Szenario binnen weniger Minuten mehrere Tausend Kubikmeter Sand und Kies in die Baugrube. Das zog dem Archivbau buchstäblich den Boden unter den Fundamenten weg.

Die anderen fünf Angeschuldigten sind drei damalige Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft (Arge) der beteiligten Baufirmen Bilfinger Berger, Züblin und Wayss & Freytag sowie eine Ingenieurin und ein weiterer Beschäftigter der Kölner Verkehrsbetriebe. Sie hätten die Arbeiten nicht mit der nötigen Sorgfalt begleitet, später auch die gebotene Kontrolle der Schlitzwandfugen unterlassen und selbst auf markante Auffälligkeiten im Fugenverlauf, die auf das Vorhandensein einer Fehlstelle hindeuteten, nicht reagiert, wirft ihnen die Staatsanwaltschaft vor.

Die Ermittlungen, die nun zur Anklage führen, gehören zu den langwierigsten, kompliziertesten und teuersten, die je in Deutschland liefen - und sie sind noch nicht abgeschlossen. Denn zunächst wurden erst einmal die ins Bauloch gestürzten Archivdokumente Stück für Stück aus dem feuchten Untergrund gepickt. Immerhin etwa 95 Prozent der Archivbestände sollen geborgen sein. Zu ihnen zählen mittelalterliche Urkunden ebenso wie Nachlässe von Künstlern wie dem Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll. Sie werden in einer ehemaligen Möbellagerhalle restauriert - eine Aufgabe, die noch Jahrzehnte beansprucht.

Um das Beweissicherungsverfahren zu ermöglichen, errichtete die Stadt dann ein sogenanntes Besichtigungsbauwerk. Das ist ein Schacht, in dem der Boden zentimeterweise abgetragen wird, damit Spezialtaucher durch das Grundwasser an die Stellen gelangen können, an denen die Experten mögliche Ursachen des Einsturzes vermuten. Damit die beweiskräftigen Gesteinsschichten nicht in Bewegung kommen, werden sie vereist. Allein dieser Bau wird mehr als 60 Millionen Euro kosten.

Der vom Landgericht bestellte Gutachter hat bereits angekündigt, mit seiner Expertise erst im nächsten Jahr fertig zu sein. Das reicht für das Zivilverfahren, bei dem es darum geht, wer wie viel für den gewaltigen Schaden bezahlen muss. Im Strafverfahren allerdings steht die Staatsanwaltschaft unter Zeitdruck. Wenn bis März 2019, also zehn Jahre nach dem Unglück, kein erstinstanzliches Urteil fällt, verjährt der Strafanspruch. Es bleibt also nicht viel Zeit für den voraussichtlich höchst komplexen Prozess, mit dessen Beginn frühestens in ein paar Monaten zu rechnen ist.

Ein neues Archivgebäude ist im Bau, es soll 82 Millionen Euro kosten

Weiter untersucht wird auch eine zweite mögliche Ursache des Einsturzes. Die Baufirmen nennen einen "hydraulischen Grundbruch" als wahrscheinlichste Ursache des Unglücks. Dabei gerät durch fließendes Grundwasser der Boden unter der Baustelle in Bewegung. In diesem Szenario träfe die Baufirmen keine Schuld. Es bleibe "abzuwarten, ob das Gericht der Bewertung der Staatsanwaltschaft letztlich folgen wird", obwohl die Untersuchungen vor Ort noch nicht abgeschlossen seien, sagte ein Sprecher der Arge.

Ein neues Archivgebäude ist längst im Bau. Im März legte Oberbürgermeisterin Henriette Reker den Grundstein für ein neues, 82 Millionen Euro teures Haus, zwei Kilometer von dem Loch entfernt, in dem das alte versank.