Köln ist überall Der Tiefbau zu Babel

Moderne Städte haben sich ins Erdreich hineingegraben. Das Kosmoszeitalter ist nicht nur das der Höhe, sondern auch das der Höhle.

Von Gerhard Matzig

Der griechische Komponist und Architekt Iannis Xenakis hatte den Himmel im Blick, als er 1964 die Zukunft vorhersah: "Das Raumzeitalter hat begonnen, und die Stadt wird sich zum Kosmos wenden, statt sich weiter auf dem Erdboden hinzuschlängeln." Wie sehr er sich darüber täuschte, zeigt sich in Köln nach dem Einsturz des Historischen Stadtarchivs mit Blick auf, ja in das so naturkatastrophenhaft geweitete Erdloch einmal mehr. Jedoch deutlicher als bisher. Denn dieser Krater ist eben keiner Naturkatastrophe geschuldet, sondern Menschenwerk.

Trümmerberg in der Südstadt

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Gewiss, die Städte der Welt haben sich, zumal in Asien und den USA, seit der Vorhersage von Xenakis himmelwärts entwickelt. Es vergeht kaum ein Jahr, da nicht irgendwo irgendein neuer Höhenrekord vermeldet wird. Die Blaupausen der Urbanismus-Utopien sind im Grunde seit den Tagen des Turmbaus zu Babel dem Höhenrausch gewidmet. Die Menschheit wollte stets hoch hinaus - und die Geschichte der Moderne ist ohne das vollendete Kapitel der Lufthoheit gar nicht darstellbar.

Wie sich das Leben nach unten verlagert Im Schatten der großen, aufsehenerregenden Türme und ihrer kühnen Konstruktionen haben sich die Städte entgegen Xenakis' Prophetie nicht nur weiter auf dem Erdboden geschlängelt - sondern auch ins Erdreich hineingegraben. Das Kosmoszeitalter ist nicht nur das der Höhe, sondern auch das der Höhle.

Längst schon werden unsere Städte gründlich untergraben. Der Tunnelbau, der in Köln nun in all seiner technischen, konstruktiven Problematik sozusagen im Licht der erschrockenen Öffentlichkeit verhandelt wird, ist der Normalfall in hochverdichteten Städten. Aber die im Dunkeln sieht man nicht, wie es in der Dreigroschenoper heißt. Und so bleiben auch viele Erdarbeiten unbehelligt von allen Fragen, die sich eine zunehmend nach tieferen Schichten strebende Gesellschaft sehr wohl stellen könnte.

"Die Tragödie", sagt Jürgen Roters, Chef der Aufsichtsbehörde, der das Kölner U-Bahn-Vorhaben genehmigte, "hätte genauso gut in München passieren können." Das ist einerseits der fragwürdige Versuch, den Gedanken an Verantwortung erst gar nicht aufkommen zu lassen - aber andererseits auch deshalb bemerkenswert, weil es wahr ist: Köln ist überall.

In allen großen Städten boomt der Tunnelbau. Gefragt sind Geotechniker und Bodenmechaniker. Jahr für Jahr werden neue Verfahren erprobt, Injektions- und Vereisungstechniken, um mit den Unbilden von auftreibendem Grundwasser und Ablastungen aus dem oberen und seitlichen Erdreich fertigzuwerden. Baustellen unter Tage sind gefährlicher als solche über der Erde. Doch sind sie überall auch so notwendig?

In Norwegen, wo 1994 die Olympischen Winterspiele ausgetragen wurden, hat man seinerzeit aus Prestigegründen eine Eishockeyhalle in 70 Metern Tiefe errichtet - und zugleich eine Forschungsstelle eingerichtet, um die Wirkung unterirdischer Räume auf Menschen zu untersuchen. Das erscheint dringend geboten. Denn außer U-Bahn-Linien, die wesensgemäß unterirdisch betrieben werden, versenkt man zunehmend ganze Bahnhöfe.

40 Meter tief wird sich der Bahnreisende dereinst in München unter der Erdoberfläche durch all die Shops und Eventangebote des dann umgebauten Bahnhofs nach dem Modell "21" wühlen dürfen. Auch unter dem Louvre in Paris ist ein gigantischer "Erlebnisraum" unter Tage geschaffen worden. Oder die Berliner Friedrichstadt-Passagen: ein einziger Tunnel mit Edelkram.

Warum? Aus demselben Grund, warum in Köln und anderswo ein immer gewaltigeres Verkehrssystem als öffentlicher Raum im Untergrund entsteht: Weil der oberirdische Lebensraum privatisiert und bevorzugt dem Individualverkehr in Form von breiten Straßen zugesprochen wird. Jules Vernes fiktionale "Reise zum Mittelpunkt der Erde" beschreibt die Entwicklung unserer Städte treffender als Xenakis, der Architekt.