Kneipensterben? Das Rauchverbot enttäuscht seine Kritiker

Einnahmenrückgang, Jobverluste, Pleitewelle: Die Gastronomie warnt die Politik vor einem Gesetz. Doch in Ländern mit Rauchverbot steigen die Umsätze der Gaststätten.

Von Dietmar Jazbinsek

Falls das Rauchen in Deutschlands Kneipen gesetzlich verboten wird, wie es eine wachsende Zahl von Parlamentariern fordert, stehe die Gastronomie vor "erheblichen Umsatzeinbußen". Das sagte unlängst Ingrid Hartges, die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga). "Gaststätten befürchten Jobverluste und Pleitewelle", lautete denn auch der Tenor vieler Schlagzeilen in der vergangenen Woche. Die ökonomischen Realitäten sehen jedoch laut Experten anders aus, als es die Warnungen vor einem bevorstehenden Kneipensterben erwarten lassen.

Die präzisesten Zahlen über die Umsatzentwicklung in der rauchfreien Gastronomie gibt es in den USA. Kalifornien war der erste Bundesstaat, der die Zigaretten 1995 aus den Restaurants und 1998 aus den Bars verbannte. Legt man die Daten der Finanzämter zugrunde, dann sind die Umsätze in beiden Branchensegmenten nach Inkrafttreten des Rauchverbots gestiegen und nicht gesunken. Das weist eine Langzeitstudie nach, die 2005 in der Fachzeitschrift Health Economics publiziert worden ist. Die Autoren der Studie, David Cowling und Philip Bond, führen die steigenden Umsätze darauf zurück, dass sich mehr Gäste länger als zuvor in den rauchfreien Kneipen aufhalten.

Vorreiter Irland

Denselben Trend dokumentiert eine Untersuchung des New York City Department of Finance. Im April 2003 hatte Bürgermeister Michael Bloomberg den Zigarettenkonsum in den Bars und Restaurants der Millionenmetropole untersagt. In den folgenden zwölf Monaten erhöhten sich die Steuereinnahmen aus dem New Yorker Gaststättenbereich im Vergleich zum Vorjahr um 8,7 Prozent. Auch bei der Zahl der gastronomischen Betriebe und der Beschäftigten gab es saisonbereinigt einen deutlichen Anstieg.

In Europa war Irland der erste Staat, der dem amerikanischen Beispiel folgte und den blauen Dunst aus den Kneipen verbannt hat. Nach Inkrafttreten des Gesetzes im März 2004 hatten Vertreter der irischen Gastronomiebranche über Einnahmeverluste von bis zu 25 Prozent geklagt. Tatsächlich waren die Umsätze im Gastgewerbe schon in den Jahren zuvor aufgrund steigender Bierpreise leicht zurückgegangen. Im Jahr 2005 haben sie sich laut Angaben des nationalen Statistikamtes wieder stabilisiert. "Ich kann Ihnen versichern, dass in Irland kein einziger Pub wegen finanzieller Verluste durch das Rauchverbot schließen musste", sagte der irische Premierminister Bertie Ahern vor zwei Wochen zum Auftakt der 13. Weltkonferenz für Tabakkontrolle in Washington.

Kein Trend zum "Homing"

Was den weltweiten Trend zur rauchfreien Gastronomie betrifft, stellen die skandinavischen Länder einen klimatischen Härtetest dar. Hier ist es im Jahresdurchschnitt sehr viel kälter und regnerischer als beispielsweise in Italien, wo die Raucher seit Einführung des Rauchverbots im Januar 2005 ohne Murren vor die Tür gehen. In Norwegen hatten viele Gastwirte befürchtet, die Raucher könnten ihr Bier zu Hause trinken, wenn sie in der Kneipe nicht mehr rauchen dürften. Das hätte dann zu einer Verlagerung des Bierverkaufs in die Supermärkte geführt.

Tatsächlich hat es nach Einführung des Rauchverbots im Juni 2004 keinen verstärkten Trend zum so genannten "Homing" gegeben, wie eine aktuelle Studie des Osloer Instituts für Alkohol- und Drogenforschung (Sirus) nachweist. Zwar sind die Umsätze in der norwegischen Gastronomie in den folgenden zwölf Monaten um 0,8 Prozent zurückgegangen. Dieser minimale Rückgang sei aber eher darauf zurückzuführen, dass es im Sommer zuvor wesentlich weniger geregnet habe, so Sirus-Forscher Karl Erik Lund.

Bislang deuten ausschließlich Studien, die von der Tabakindustrie finanziert wurden, auf massive Umsatzeinbußen infolge von Rauchverboten hin. Diese Erhebungen stützen sich allerdings nicht auf harte Daten wie die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen oder die der Schanklizenzen, sondern auf Meinungsumfragen.

Positive Auswirkungen vor allem im Tourismus

Über die neueste Studie dieser Art berichtete jüngst die Bild-Zeitung. Das Bielefelder Emnid-Institut hatte im Auftrag des Tabakunternehmens Reemtsma 300 Gastwirte danach befragt, wie sich ein Rauchverbot auf ihr Geschäft auswirken könnte. 60 Prozent der Befragten gaben an, dass sie mit sinkenden Umsätzen rechnen. Ein Drittel rechnete sogar mit Personalabbau. Wenn man bedenkt, wie hartnäckig Vertreter der Tabakindustrie und Funktionäre des Dehoga seit langem behaupten, ein Rauchverbot käme einem "Dolchstoß" für die Gastronomie gleich, ist es erstaunlich, dass 40 Prozent der Gastwirte offenbar keine Angst vor Einnahmeverlusten haben.

Zu den Politikern, die derartige Meinungsumfragen ernster nehmen als Wirtschaftsdaten, gehört der FDP-Bundestagabgeordnete Ernst Burgbacher. Als er von den Ergebnissen der Emnid-Studie hörte, ging Burgbacher mit einer Pressemitteilung zu den Folgen von Rauchverboten an die Öffentlichkeit. Darin interpretiert er das Ergebnis der Meinungsforscher - 60 Prozent der heimischen Gastwirte rechnen mit Umsatzeinbußen - auf recht eigenwillige Weise: "Mit einem gesetzlichen Rauchverbot in Gaststätten drohen Umsatzeinbußen von bis zu 60 Prozent für die heimischen Gastwirte."

Es ist bemerkenswert, dass diese Zahl ausgerechnet vom tourismuspolitischen Sprecher der FDP-Fraktion in die Welt gesetzt wird. Denn der Tourismus gehört zu den Sektoren, in denen sich eine rauchfreie Gastronomie nachweislich positiv auswirkt. Die neuesten Studien hierzu wurden jüngst im Bericht des Surgeon General - des obersten US-Gesundheitsschützers - veröffentlicht.