Kirchensegen für Homosexuelle Der Wetzlarer Sündenfall

Weil ein katholischer Priester einem schwulen Paar seinen Segen gab, muss er sein Amt als Dekan abgeben - die gesegneten Partner sind bestürzt.

Von Kathrin Haimerl

Es sollte eine schöne Feier werden. Jürgen Erbach und sein Partner Kristof Heil hatten alles gut geplant. Erst die Eintragung ihrer Partnerschaft im Alten Rathaus von Wetzlar. Dann wollten sie sich noch den kirchlichen Segen holen - im Wetzlarer Dom. Diese sogenannte Simultankirche wird von mehreren Konfessionen gemeinsam genutzt.

Ein Chor, der sonst nie bei Hochzeiten auftritt, stimmte Amazing Grace an. In den Fürbitten bat die Gemeinde um Toleranz füreinander, Toleranz in der Gesellschaft. Das Hohelied der Liebe wurde vorgetragen.

Dann trat der katholische Priester zur Segnung vor. Für den 46-jährigen Erbach und seinen drei Jahre jüngeren "Mann" Kristof Heil ein besonders emotionaler Moment, ein bedeutsames Symbol für ihre Partnerschaft. Beide sind gläubige Christen, Erbach selbst bezeichnet sich als "regelmäßigen evangelischen Kirchgänger". Sein Partner ist Katholik.

Doch ohne es zu wollen stellten die beiden der Kirche damit die Gretchenfrage. Schließlich gab der katholische Pfarrer Peter Kollas einem homosexuellen Paar den Segen. Es war, wohlgemerkt, eine Segnung - keine kirchliche Trauung.

Für das Bistum Limburg ging das dennoch zu weit. Bischof Franz-Peter Tebarz-van Elst entzog dem Priester das Amt als Bezirksdekan. Eine Segnung eingetragener Lebenspartnerschaften durch katholische Seelsorger sei nicht möglich, heißt es in einer Mitteilung des Bistums.

Nach der Lehre der katholischen Kirche seien alle Gläubigen verpflichtet, gegen die rechtliche Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften Einspruch zu erheben.

Für den gesegneten Erbach ist das ein Schlag ins Gesicht. "Wir leben seit 20 Jahren zusammen", sagt er sueddeutsche.de. "Wir wollten uns Anerkennung sowohl von der gesellschaftlichen als auch der kirchlichen Seite holen."

"Wir sind stolz auf Euch, Jungs!"

Das Paar ist ins Wetzlarer Stadtleben eng eingebunden. Seit 2005 leben sie in der hessischen Kleinstadt. Erbach, der Professor an der Hochschule in Holzminden ist, wollte in der Wetzlaer Innenstadt Optik erlebbar machen. Er entwickelte den sogenannten Optikparcours - ein viel beachtetes Gemeinschaftsprojekt von Bürgern, Hochschulen und Unternehmen.

Doch nun reden alle vom Eklat. Das Bistum erklärt, der Bischof habe den Seelsorger von seinem Amt als Bezirksdekan abberufen müssen, "um weiteren Schaden von der Kirche abzuwenden". Angeblich habe die Segnung sowohl bei evangelischen Christen als auch bei Katholiken Proteste ausgelöst. Und es sei der Eindruck entstanden, die katholische Kirche handhabe die Lebenspartnerschaft als Ehe.

Oberbürgermeister Wolfgang Dette, FDP-Mitglied und Protestant, will in seiner Stadt sehr viel weniger Irritation mitbekommen haben. Von der Mehrheit der Bevölkerung seien ihm keine kritische Reaktionen zu Ohren gekommen, sagt er im Gespräch mit sueddeutsche.de. Es habe lediglich einen Leserbrief gegeben und ein anonymes Schreiben, das dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen sei. Auch Erbach und sein Partner Heil hatten bislang durchwegs positive Reaktionen erhalten. Ihre Freunde schrieben ihnen Sätze wie "Toll, wir sind stolz auf Euch, Jungs!" ins Gästebuch.

Zwischen dem Pfarrer und dem Bischof habe es laut Bistum inzwischen ein Gespräch gegeben. Darin habe sich der Priester einsichtig gezeigt. Er habe solche Segnungen für eingetragene Lebenspartnerschaften nie zuvor vorgenommen und werde dies auch in Zukunft nicht mehr tun.

Pfarrer Peter Kollas indes war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Er gilt in der Gemeinde als sehr engagiert und beliebt. Seine Arbeit als Seelsorger schätzt auch das Bistum trotz der "partiellen Trübung" des Verhältnisses weiterhin hoch, so ein Sprecher.

Erbach und sein Partner jedenfalls sind bestürzt. Die Reaktion des Bistums zeige, "dass wir doch noch nicht so weit sind, wie wir dachten". Sie haben bereits einen Brief an das Bistum geschrieben, in dem sie um Audienz beim Bischof bitten - und sie wollen mit ihrer Geschichte eine Debatte anstoßen. Denn sie glauben: "Es ist wichtig, dass die Menschen Homosexuelle in ihrem Alltag erleben." Damit die Menschen zum Umdenken kommen.

Wie etwa die alte Dame auf ihrer Feier. Während des Gottesdiensts ist sie in den Dom gekommen. Als die Namen "Kristof und Jürgen" fielen, war sie irritiert, sagt Kristof Heil. Doch sie ist den gesamten Gottesdienst über da geblieben. Als sie den Dom verließ, habe sie gelächelt, sagt Heil: "Das war für mich ergreifend".