Kinowerbung des Deutschen Hanfverbands Kiffen, Kino, Kriminelle

Die Marihuana-Messe "Expoweed" in Chile.

(Foto: dpa)
  • Seit einige US-Staaten Cannabis legalisiert haben, nimmt die Debatte auch in Deutschland Fahrt auf.
  • Strafrechtsprofessoren und Polizeigewerkschaft sprechen sich gegen die Kriminalisierung von Cannabis-Konsum aus.
  • Der Deutsche Hanfverband wirbt nun in Kinospots für die Legalisierung. Nur hinken diese der Debatte hinterher.
Von Hannah Beitzer, Berlin

Willkommen im Land der verrutschten Frontlinien. Hier machen sich seit einigen Monaten Berufsgruppen für die Freigabe von Marihuana stark, die des Hippietums völlig unverdächtig sind.

Eine Gruppe von Strafrechtsprofessoren zum Beispiel hat eine Petition verfasst, in der die Juristen ein Ende der repressiven Cannabis-Politik fordern. Ihr Argument: Die Prohibition sei weltweit gescheitert, fördere kriminelle Strukturen und treibe auch Klein-Konsumenten in die Illegalität. Noch pragmatischer argumentiert Rainer Wendt, Chef der Polizeigewerkschaft und sonst nicht für Zurückhaltung bekannt: "Es wäre besser, den Konsum geringer Mengen von Cannabis nicht mehr verfolgen zu müssen - um sinnlose Bürokratie zu vermeiden", sagt er. Polizisten müssten diese Vergehen nach geltendem Recht anzeigen, die Verfahren würden dann aber routinemäßig eingestellt.

Da passt es dann auch, dass die Premiere der ersten deutschen Kinospots zur Legalisierung von Cannabis, die der Deutsche Hanfverband ab Donnerstag schalten will, nicht in irgendeinem Kreuzberger Alternativ-Kino stattfindet. Sondern im Cinestar im SonyCenter am Potsdamer Platz, wo Berlin ein wenig nach Matrix aussieht. "Es wird eine recht schicke Veranstaltung mit Sekt, Buffet und allem Drum und Dran", hieß es vorab in einer Mail an die Gäste. "Wie erhofft werden auch Presse und TV anwesend sein (...). Wir möchten daher alle BesucherInnen bitten, sich möglichst angemessen zu verhalten und zu kleiden, damit wir einen positiven Eindruck hinterlassen."

Um ordentliches Auftreten wird gebeten

Organisator Georg Wurth, 42 Jahre alt, Chef des Deutschen Hanfverbands, sieht in Anzug und mit ordentlichem Kurzhaarschnitt dann weit förmlicher aus als die meisten Pressevertreter an diesem Abend. Auch sonst sind keine extravaganten modischen Ausfälle zu beobachten. Warum auch? Die Zeiten, als sich für Cannabis nur rebellierende Teenager interessierten, sind lange vorbei. Wurth stützt sich dementsprechend vor allem auf pragmatische Argumente.

"Legalisierung aus Vernunft" ist das Motto seines 2002 gegründeten Vereins. Ähnlich wie die Strafrechtsprofessoren sagt er, dass die Prohibition ihr oberstes Ziel, den Konsum möglichst gering zu halten, verfehlt habe. Stattdessen treibe sie auch die Konsumenten geringer Mengen auf den Schwarzmarkt, unterstütze kriminelle Strukturen und verursache hohe Kosten bei Polizei und Justiz. Er bestreitet nicht die gesundheitlichen Folgen übermäßigen Konsums, betont aber, dass ein Verbot daran nichts änderte. Im Gegenteil. (Mehr über die gesundheitlichen Risiken von Cannabis finden Sie in unserem Ratgeber). Außerdem fordert sein Verein, den Zugang zu Marihuana zu medizinischen Zwecken zu erleichtern. Um diese Themen drehen sich auch die Werbefilme. Das Geld dafür hat Wurth übrigens in einer Fernsehshow gewonnen, in der eine Jury und die Zuschauer eine Million Euro vergeben durften: der "Millionärswahl" auf ProSieben.

In Spot Nummer eins kommt eine freundliche ältere Dame in die Apotheke und verlangt das Cannabis-Präparat Dronabinol. Sie bekommt es aber nicht, sondern wird von einem Mittelsmann in eine dunkle Garage geführt. Dort gehen drei dunkle Gestalten bedrohlich langsam auf sie zu - eine Eisenstange schwingend. Der Bildschirm wird dunkel. "Sicherheit statt Kriminalisierung", sagt eine Stimme, die dem Zuschauer bekannt vorkommt. Es ist die deutsche Synchronstimme von Bruce Willis, die auch Radio-Spots für eine Baumarktkette spricht.

Dunkelhäutige Gangster als Dealer

Georg Wurth ist, das wird auf der Premiere deutlich, nicht ganz wohl bei dem Spot. Die dunkle Garage, die kriminellen Schlägertypen als Dealer - das entspricht nicht unbedingt der Lebenswirklichkeit der hier anwesenden Konsumenten. Natürlich seien nicht alle Dealer böse Kriminelle, beeilt er sich zu sagen. "Jeder hier kennt ja irgendwie einen." Gelächter. Und doch schlägt ein weiterer Spot in diese Kerbe: Ein dunkelhäutiger Gangster ballert mit einer Pistole in die Luft, zieht einem Gefangenen eine Plastiktüte über den Kopf, während er durch sein Drogen-Lager schlendert. Schließlich drückt er einem korrupten Politiker einen Koffer Geld in die Hand, damit dieser die Legalisierung von Cannabis verhindert. Weil das ja schlecht wäre für seine Geschäfte.

Immerhin kommen die Videos kommen gänzlich ohne Kiffer-Folklore aus. Sie erinnern in ihrer Drastik an jene Clips, die in deutschen Kinos vor dem illegalen Verbreiten von Filmen warnen. Da brüllt zum Beispiel eine hübsche bürgerliche Kleinfamilie laut "Happy Birthday" in Richtung der Gefängnismauern, hinter denen der raubkopierende Vater sitzt. Doch den Hanf-Spots fehlt der doppelte Boden, das Hintergründige, das die Raubkopierer-Spots im Gedächtnis bleiben lässt.

Nur einer von drei Spots, die der Hanfverband an diesem Abend vorführt, schafft das: Da sitzt eine Gruppe von 30-jährigen Pärchen an einem lauen Sommerabend zusammen, kichert und quatscht, bis sie von fiesen Schlägertypen angepöbelt werden. Die Polizei schreitet ein - doch verhaftet anstelle der Schlägertypen die braven Pärchen, wegen der Haschkekse auf dem Tisch.

Dieser Clip suggeriert richtig: Wurth und sein Hanfverband stehen mit ihren Forderungen längst nicht mehr am Rande der Gesellschaft. Es kiffen nicht mehr nur 16-jährige Jungs mit Rasta-Locken und Motivationsproblemen. Etwa 23 Prozent aller Deutschen haben schon einmal Cannabis konsumiert, Tendenz steigend. Die Altersgruppe von 30 bis 39 Jahren erreicht sogar 35 Prozent - eben jene Altersgruppe, die der Spot des Hanfverbands zeigt.

Es ist auch nicht so, dass Wurth und seine Mitkämpfer von der bürgerlichen Mitte nicht gehört werden. Sein Verein finanziert sich durch seine Mitglieder und durch Spenden, hat ein eigenes Büro in Berlin. Als Unterstützer sind neben Privatpersonen vor allem sogenannte Headshops aufgelistet - Läden, die Cannabis-Zubehör von Wasserpfeifen bis Hanf-Klamotten verkaufen. Die gibt es in jeder größeren deutschen Stadt. Wurth trat schon bei mehreren parlamentarischen Anhörungen als Sachverständiger auf, unter anderem im Gesundheitsausschuss des Bundestages. 2012 diskutierte er im vom Kanzleramt ausgerufenen "Bürger-Dialog" mit Angela Merkel über die Legalisierung von Cannabis. Auch wenn die Kanzlerin anderer Meinung war als er - er war bei weitem nicht der umstrittenste Kandidat des Formats.

Wurth sagt, dass die Debatte ziemlich an Fahrt aufgenommen habe, seit in einigen Bundesstaaten der USA Cannabis legalisiert wurde. Von dort kommen nun Videos nach Deutschland, die Großmütter zeigen, wie sie angeblich zum ersten Mal Marihuana rauchen.

Die Clips des Hanfverbands sollen von Donnerstag an für mehrere Wochen in mehr als 50 Kinos bundesweit gezeigt werden. Im Cinestar am Potsdamer Platz läuft nach der Premiere der Kinospots die französische Komödie "Paulette", in der eine ältere Dame aus Finanznot zur Hasch-Dealerin wird. Ein bisschen mehr von diesem eher subtilen Humor und weniger Holzhammer hätte auch den Kino-Spots gut getan.