Rund 400 Kinder sterben jedes Jahr in Deutschland vor ihrem ersten Geburtstag im Schlaf, ohne dass es zuvor Anzeichen für eine Erkrankung gab. Eine neue Studie bestätigt nun alte Risiken für den plötzlichen Kindstod.
Eine neue Studie zu den Ursachen des plötzlichen Kindstods bestätigt jetzt alte Empfehlungen: Säuglinge sollten auf dem Rücken und im Schlafsack schlafen, gestillt werden und von Tabakrauch verschont bleiben.
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Säuglinge sollten auf dem Rücken und im Schlafsack schlafen, gestillt werden und von Tabakrauch verschont bleiben. (© )
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Wenn Eltern das Rauchen nicht lassen können, dürfen sie ihr Kind zumindest nicht mit in ihr Bett nehmen. Das sind die wichtigsten Ergebnisse einer bundesweiten Studie unter Federführung der Universität Münster.
Demnach sind unerklärliche Todesfälle sechsmal häufiger, wenn ein Kind auf dem Bauch liegt; ebenso stark erhöht sich das Risiko durch Rauchen während der Schwangerschaft; und schließlich senken Mütter, die ihr Baby stillen, die Gefahr um fast zwei Drittel.
"Wir brauchen dringend eine neue Aufklärungskampagne", fordert die Koordinatorin der Studie, Mechtild Vennemann. "Die letzte Kampagne gab es, als die heutigen Mütter noch Kinder waren."
Zu den Ursachen des schrecklichen Phänomens gebe es viele Theorien, sagt Vennemann: "Häufig werden Bakterien oder Viren für den Kindstod verantwortlich gemacht. Aber wir konnten nichts davon bestätigen."
Die 500 Kinder, deren Tod untersucht wurde, litten nicht häufiger unter Infekten als andere Babys.
Mitunter werden auch genetische Faktoren diskutiert, die über Herzrhythmus- oder Atemstörungen den Krippentod auslösen. So fanden US-Forscher bei 21 verstorbenen Säuglingen in der religiösen Gemeinschaft der Amish ein verändertes Gen mit noch unbekannter Funktion (PNAS, Bd.101, S.11689, 2004).
"Diese Mutation haben wir nicht untersucht, dazu ist die Arbeit noch zu neu", räumt Vennemann ein. Dagegen ging das deutsche Team der Frage nach, ob eine genetisch bedingte Herzrhythmusstörung, das Long-QT-Syndrom, bei den verstorbenen Kindern gehäuft auftrat. Der Verdacht erhärtete sich nicht.
Eine andere Hypothese besagt, dass ein gestörtes Atemzentrum im Gehirn für den Tod der Säuglinge verantwortlich ist. Normalerweise gibt das Gehirn den Befehl zum Luftschnappen, wenn ein Kind zu wenig Sauerstoff bekommt - etwa weil ihm die Bettdecke übers Gesicht gerutscht ist.
Ist aber der Botenstoff Serotonin im Hirn zu knapp bemessen, könnte dieser Mechanismus versagen, nehmen Forscher aus den USA und Mexiko an (Neuron, Bd.43, S.105, 2004).
Das deutsche Team hat jedoch keine Hinweise auf Störungen des Atemzentrums bei den toten Kindern gefunden.
Erschwert wird die Forschung dadurch, dass längst nicht alle verstorbenen Kinder obduziert werden. Vorgeschrieben ist die Leichenöffnung hier zu Lande, wenn die Todesursache unklar ist.
Forscher schätzen aber, dass Ärzte bei jedem zweiten plötzlichen Kindstod eine vermutete Todesursache angeben, etwa "Bronchitis". "Damit tun sie den Eltern keinen Gefallen", ist Mechtild Vennemann überzeugt.
"Sie fragen sich dann ihr Leben lang, ob sie etwas übersehen haben und den Tod ihres Kindes hätten verhindern können."
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(SZ vom 12. Oktober 2004)
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