Kindesraub in Spanien "Sie verdient die härteste aller Strafen"

In Spanien soll eine Nonne Babys entführt und an Adoptiveltern verkauft haben. Nach einer Entbindung behauptete Schwester María Gómez V., das Neugeborene sei tot. Erst Jahre später sah eine Mutter ihre verloren geglaubte Tochter wieder. Kein Einzelfall, sagen Kirchenkritiker - und sprechen von Betroffenenzahlen im sechsstelligen Bereich.

Von Javier Cáceres, Madrid

Die spanische Nonne María Gómez V. verließ das Gerichtsgebäude in Madrid durch den Hintereingang, die Hände auf eine Schwester im Geiste und ihren Anwalt gestützt. Dutzende Mikrofone reckten sich der nun schon über 80-jährigen Frau entgegen, doch sie wollte, wie schon zuvor im Angesicht eines Ermittlungsrichters, nichts sagen: Wortlos stieg sie, von Polizisten beschützt, in einen schwarzen Geländewagen; die Verwünschungen, die ihr Frauen und Männer hinterherriefen, dürfte sie im Fond des Autos kaum gehört haben. "Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie sehen, wie sie heute protegiert wird? Wer hat uns denn geschützt?", sagte eine der Frauen, die massive Vorwürfe gegen Schwester Maria erheben. Die Ordensfrau der Kongregation der Missionarinnen der Nächstenliebe soll einer Reihe von Frauen aus armen Gesellschaftsschichten Neugeborene entrissen haben, um sie auf dem Adoptionsmarkt anzubieten.

Anklage ist noch nicht erhoben worden, und vor dem Ermittlungsrichter geht es bisher nur um einen Fall - um María Luisa Torres, die ihre leibliche Tochter Pilar fast 30 Jahre lang für verloren glaubte und erst 2011 wiederfand. Wenn die Vorwürfe zutreffen, steht ihr Fall exemplarisch für eines der düstersten Kapitel der an Schattenseiten wahrlich reichen katholischen Kirche Spaniens.

"Ich dachte, ich drehe durch"

Anfang der 80er Jahre hatte sich Torres, die damals als Kellnerin arbeitete, von ihrem Ehemann getrennt und danach eine Beziehung zu einem anderen Mann unterhalten. Doch dieser wollte, als sie schwanger wurde, nichts von einem Kind wissen. In ihrer Verzweiflung wandte sich Torres an Schwester María, sie war durch einen Zeitschriftenartikel auf sie aufmerksam geworden. Doch was geschah, nachdem am 31. März 1982 die Wehen eingesetzt hatten, war laut der Mutter ein Albtraum.

Torres erzählt, dass sie vor der Entbindung betäubt wurde. Als sie aus der Narkose erwachte, habe ihr Schwester María zunächst gesagt, dass die Tochter bei der Geburt gestorben sei - und danach, dass man sie zur Adoption freigeben werde. Sie, Torres, solle keine Frage stellen, schließlich habe sie bei der Einweisung in die Klinik ein Dokument unterschrieben, in dem sie auf ihr Kind verzichten wolle. Am Ende habe die Nonne ihr gedroht: Wenn sie rede, würde sie als Ehebrecherin ins Gefängnis wandern und auch ihr erstes Kind verlieren. "Ich dachte, ich drehe durch", sagt Torres heute.

Vortäuschung von Todgeburten

Dass sie ihre Tochter wiederfand, hat mit der medialen Aufmerksamkeit zu tun, die eine Reihe von Schicksalen dieser Art in jüngster Zeit erhalten haben. In den ersten Jahren der faschistischen Franco-Diktatur (1939-1975) hatte es etliche Fälle von politisch motiviertem Kindesraub gegeben. Kinder von Gefängnisinsassinnen wurden von ihren Müttern getrennt und in die Obhut regimetreuer, kinderloser Ehepaare gegeben. Katholische Ordensleute und Gynäkologen waren fast zwangsläufig involviert - bis heute sind zahlreiche Entbindungskliniken in der Hand der katholischen Kirche, die integraler Bestandteil der Franco-Diktatur war. In einigen Krankenhäusern entwickelte sich der Kindesraub zu einem lukrativen Geschäft, das über Jahrzehnte lief. Müttern wurde erzählt, dass sie Totgeburten erlitten hatten - in Wahrheit waren die Kinder an Adoptiveltern für gutes Geld verkauft worden.

In einem Krankenhaus soll nach Zeugenaussagen eigens ein Babyleichnam aufbewahrt worden sein, der skeptischen Müttern gezeigt wurde. Im letzten Jahr wurden auch einige Kindersärge ausgehoben - drei waren tatsächlich leer, in anderen Fällen konnten die Eltern zumindest den Zweifel beseitigen, der sie quälte. In vielen Fällen ist eine Aufklärung nicht möglich: Eine Reihe von Krankenhäusern, die im Verdacht stehen, an Kindesraub beteiligt gewesen zu sein, sind längst geschlossen, anderswo sind Dokumente dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Die genaue Zahl der Fälle ist unbekannt, aber wohl hoch genug, um auch die konservative, kirchennahe Regierung zu beschäftigen.

Mutmaßliche Betroffenenzahlen im sechsstelligen Bereich

Justizminister Alberto Ruiz Gallardón kündigte heute an, dass ein offizielles Register verdächtiger Fälle eingerichtet werden soll. Sämtliche Geburten und Totgeburten der vergangenen 50 Jahre sollen dokumentiert werden, um "die wahre Dimension des Problems zu konkretisieren". Zurzeit liegen in ganz Spanien 1500 Anzeigen vor. Doch die "Plattform geraubter Kinder" vermutet, dass die Zahl der Betroffenen sogar sechsstellig sein könnte.

Der Fall von Torres ist unter anderem deshalb so gut dokumentiert, weil der Stiefvater von Pilar sich mit seiner Adoptivtochter auf die Suche nach der leiblichen Mutter machte. Sie schalteten Medien und Detektive ein und stießen schließlich tatsächlich auf Torres, die heute wie ihre Tochter als Altenpflegerin arbeitet. Ein Gentest bestätigte, dass die beiden Frauen, die sich im vergangenen Jahr zum ersten Mal wiedersahen, tatsächlich Mutter und Kind sind. Die Mutter schenkte ihrer Tochter ein Schlafsäckchen und einen Schnuller, den sie seit 1982 aufbewahrt hatte.

Ob Schwester María tatsächlich der Prozess gemacht wird, ist unklar. Vorläufig sieht sie sich dem Vorwurf der Entführung gegenüber. Doch ob sich das juristisch halten lässt, oder ob die Nonne schließlich wegen eines anderen - möglicherweise verjährten - Delikts angezeigt wird, ist unklar. "Sie verdient die härteste aller Strafen", sagte María Luisa Torres unter Tränen. Es habe ihr weh getan, das alles noch mal zu durchleben. Aber sie hoffe darauf, dass ihr Fall dazu beitrage, der Gerechtigkeit Genüge zu tun. Ihre Tochter Pilar hat den Glauben an die Gerechtigkeit nicht verloren. Sagt sie zumindest: "Wenn sie nicht hier zahlt, wird sie dort oben zahlen."