Kindesmissbrauch Leben in ständiger Angst

Ein Hinterhof mit Kopfsteinpflaster, neben der Charité in Berlin. Es gibt hier kein brüniertes Messingschild am Eingang, keine Gegensprechanlage, nichts, was auf das Sachlich-Legitimierte einer Arztpraxis hinweisen würde. Nur eine Holzstiege, die in verwinkelte Altbauzimmer führt; intim und anonym zugleich.

Die Praxis von Professor Klaus Michael Beier. Ein virtueller Wegweiser führt Besucher her: eine Webpage namens www.kein-taeter-werden.de, auf der sich Menschen für einen Therapieplatz bewerben können. Das sind Menschen, die sich sexuell von Kindern angezogen fühlen, Menschen, die sich Kindern bereits unsittlich genähert haben, oder Menschen, die befürchten, sie könnten bald übergriffig werden.

Voraussetzung bei ihnen allen ist, dass kein Strafverfahren gegen sie läuft.

Die Männer - pädophile Frauen sind Einzelfälle - stammen aus sämtlichen Schichten, aus harmonischen ebenso wie aus zerrütteten Familien. Sie hatten glückliche und unglückliche Kindheiten. Sie kommen aus nahen und fernen Bundesländern. Sie wissen, dass sie Hilfe brauchen. Sie wissen: Sie haben und sie sind ein Problem. Sie leiden unter einem ständig hämmernden Konflikt aus Neigung und Gewissen. Sie leben in der ständigen Angst, entdeckt zu werden.

Manche stehen kurz vor der Tat.

Alle werden sie von ein und derselben Hoffnung hierhergetragen: Dass Professor Beier das, was ihre Neigung auslöst, beseitigen kann.

Aber das kann er nicht.

Niemand kann das.

Klaus Michael Beier sagt: "Man sollte einem Menschen niemals vorwerfen, wie er sexuell ausgerichtet ist, und wenn es auch noch so ungewöhnlich erscheinen mag, was in seiner Phantasiewelt vor sich geht. Weil er sich das nicht ausgesucht hat und es nicht selbst bestimmen kann. Er kann aber bestimmen, was daraus wird, also, ob aus Phantasien Taten werden. Darum ist das Verhalten auch vorwerfbar."

Beier - Glatze, curryfarbenes Cordsakko, Schnürschuhe im selben Ton - sitzt in einem schwarzen Bürosessel, hinter ihm ragen Bücherregale, eine staubige Topfpflanze und ein paar Hausdächer auf; ein fast übernormales Büro. Seine Worte begleiten den Strom seiner Gedanken so unerschütterlich ruhig, dass alles an ihm, in diesem Raum, bedeutet: Entwarnung.

Seine Patienten müssen spüren, dass sie hier keine Verurteilung erfahren. Nicht einmal eine Bewertung. Sonst würden sie auch nicht wiederkommen.