Kinderpornographie Fahndung am Bildschirm

Stundenlang müssen die Ermittler im PC Beweismaterial sichten - biedere Familienväter werden als Täter entlarvt.

Von Von Jens Schneider

(SZ vom 27.09.2003) — Auf dem Bildschirm des Magdeburger Kriminalbeamten läuft an diesem Freitagmorgen ein Kinderfilm, der harmloser nicht sein könnte. Gerade betrachtet der Ermittler die ersten Sequenzen von Jim Knopf und dem Lokomotivführer aus der Augsburger Puppenkiste, die ihr liebliches Lummerland verlassen und sich auf den Weg in die Drachenstadt machen.

Der junge Beamte sieht den Kinderfilm im Schnelldurchlauf, aber er kann sich keinen Moment der Unaufmerksamkeit leisten. "Denn sonst läufst du Gefahr, genau die eine Sequenz zu verpassen", sagt Kriminalhauptkommissar Torsten Kobow - die eine Sequenz, in der ein Kind pornografisch missbraucht wird und sich vielleicht auch noch der Täter im Bild zeigt.

Kobow leitet in Magdeburg die Koordinierungsstelle für Ermittlungen gegen Kinderpornografie. Seine Abteilung ist wegen der Fahndung im Rahmen der "Operation Marcy" derzeit auf zehn Beamte erweitert. Einige von ihnen sind fast den ganzen Tag damit beschäftigt, Material zu sichten, das bei den Hausdurchsuchungen gegen die Kinderpornografie-Zirkel sichergestellt wurde. "Da musst du aufpassen, dass du keine Macke kriegst", sagt Kobows Kollege, neben dem ein Stapel mit CDs und Videos liegt.

Nur scheinbar harmlose Filmklassiker

Denn viele der Filmhüllen haben äußerst unscheinbare Titel. Es sind Klassiker darunter, häufig Kinderfilme. Aber dazwischen, und mitunter getarnt mitten in harmlosen Filmen, entdecken die Beamten immer wieder Bilder, die für sie trotz aller Routine nur schwer zu ertragen sind. Es sind Bilder von nackten Kindern, von zur Schau gestellten Kindern.

Zeugnisse von Misshandlungen. Zunehmend häufiger würden die Kinder für solche Bilder gefesselt und brutal gequält, sagt der Chef des Landeskriminalamtes, Frank Hüttemann. "Das hält man nur aus, wenn man zu Hause einen Super-Partner hat, der einen auffängt", sagt einer der Beamten. Einen Partner, dem man auch mal erzählen könne, was Menschen Kindern antun.

Er arbeitet gerade den Inhalt eines Koffers ab, der laut Kommissar Kobow typisch für viele der virtuellen Kinderschänder ist, die zuweilen ein biederes Leben führen und sich nur heimlich mit dem Inhalt solcher Koffer im Büro oder auf Reisen befriedigen.

Der Koffer enthält stapelweise CDs. In der Szene herrsche eine ungeheure Sammelwut, erklärt Kobow. Sein Kollege wird die CDs auch deshalb alle ansehen, weil die Hoffnung besteht, dass auf Fotos mögliche Opfer erkannt werden könnten, die noch immer im normalen Alltag ihren Peinigern ausgesetzt sind.

An den Wänden des Kommissariats hängen Diagramme, die Täternetze nachzeichnen, wie sie die Beamten während der Marcy-Operation aufgedeckt haben. Die Ermittler klären nun das Umfeld der Verdächtigen ab, um sicherzustellen, dass nicht verwandte oder bekannte Kinder misshandelt wurden. Es sei schon vorgekommen, dass eine Beamtin bei einer Durchsuchung ein Kind gesehen habe, das sie später in pornografischem Material eines Verdächtigen wiedererkannt habe, sagt Kobow.

Vielen Tätern fehlt das Unrechtsbewusstsein

Es stellte sich heraus, dass der Mann seine eigene Tochter missbraucht hatte. Immer wieder begegnen Kobow und seinen Kollegen "biedere Familienväter, deren Doppelleben mit einem Schlag auffliegt". Vielen Tätern fehlt jegliches Unrechtsbewusstsein. Das seien doch nur Bilder, hört er von ihnen, oder auch: "Ich tu den Kindern doch nichts."

Der Kommissar kann darüber nur den Kopf schütteln. Nach seiner Erfahrung wollen Betrachter von Kinderpornografie nach einiger Zeit selbst aktiv werden, weil die Betrachtung allein nicht mehr den erwarteten Kick gibt. "Das ist wie eine Spirale", hat der Ermittler beobachtet. "Irgendwann möchten sie es selbst gern mal erleben."

Und selbst wenn es nur die Fotos wären: "Du musst nur in die Augen der Kinder blicken", sagt der Kommissar, "da siehst du, was das bei ihnen anrichtet." Kobow hat schon mehr als genug gesehen.