Kinderarbeit in Bolivien Sie schuften für die Reichen

Bolivianische Kinder nehmen im Indigenen-Schutzgebiet Isiboro-Secure eine Mahlzeit zu sich. Sie sollen nun unter Auflagen ab zehn Jahren legal arbeiten dürfen.

(Foto: REUTERS)

Boliviens Parlament erlaubt Kinderarbeit ab zehn Jahren. Für Europäer klingt das bizarr, doch die Regelung geht nicht zuletzt auf Forderungen von Kindern selbst zurück. Ihr Alltag wird sich durch Verbote nicht ändern. Wie ihnen zu helfen wäre, ist längst bekannt.

Ein Kommentar von Sebastian Schoepp

Ob in Bolivien, Indien oder auf den Philippinen: Kinder, die Busfahrscheine verkaufen, anderen Leuten die Schuhe putzen, die auf den Feldern schuften oder Kleider für unsere Billigheimermärkte nähen - es gibt sie überall in jenen Gesellschaften, die zu den Verlierern des Weltwirtschaftssystems gehören.

Kinderarbeit ist eine bedrückende soziale Realität in den meisten Ländern dieser Erde, die von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) der Vereinten Nationen so redlich wie erfolglos bekämpft wird. Weltweit gibt es nach Schätzungen der ILO etwa 215 Millionen Kinderarbeiter.

Nun hat Boliviens Parlament beschlossen, Kinderarbeit ab zehn Jahren zu legalisieren - allerdings unter Auflagen. Jeder Fall soll behördlich geprüft werden; abhängige Lohnarbeit im engen Sinne bleibt begrenzt, gestattet wird das Geldverdienen im familiären Umfeld oder in selbständiger Arbeit, die in Bolivien sowieso der Normalfall ist. Doch wird es dadurch besser? Ist die bolivianische Regelung nicht ein Skandal, der alle Bemühungen unterläuft, Kinderarbeit endlich weltweit zu ächten und zu verbieten?

Es geht um die Entkriminalisierung des Alltags Hunderttausender Kinder

Bolivien erlaubt Kinderarbeit ab zehn Jahren

Bislang durften Kinder in Bolivien ab 14 Jahren zur Arbeit gehen. Nun hat das Parlament ein Gesetz verabschiedet, wonach Ausnahmen schon ab zehn Jahren möglich sind. Dass Präsident Evo Morales zustimmt, ist sicher: Er gilt als Befürworter - wegen seiner eigenen Kindheit. mehr ...

Es mag aus europäischer Sicht bizarr anmuten, aber die Regelung geht nicht zuletzt auf Forderungen von Kindern selbst zurück. Längst haben sie sich in vielen Ländern Lateinamerikas zu gewerkschaftsähnlichen Gruppen zusammengeschlossen, es gibt sogar einen länderübergreifenden Dachverband der Niños, Niñas y Adolescentes Trabajadores (NAT), der "Arbeitenden Jungen, Mädchen und Jugendlichen".

Auf einer professionell gestalteten Webseite verlangen sie, dass die Gesetzeslagen endlich ihrer täglichen Realität angepasst werden. Sie erheben die Forderung, ihre "Diskriminierung" zu beenden und sie in ihrer Funktion als arbeitende Mitglieder der Gesellschaft zu respektieren, die nicht nur gezwungenermaßen zum Lebensunterhalt der Familie beitragen, sondern sogar Selbstbewusstsein aus ihrer Rolle als Miternährer ziehen.

Dass gerade in Bolivien arbeitende Kinder gut organisiert sind, ist kein Zufall. Die bolivianische Gesellschaft hat seit jeher einen hohen politischen Mobilisierungsgrad quer durch alle gesellschaftlichen Schichten aufzuweisen. "Lasst uns in Ruhe mit Euren Appellen!", fordern die Kinder, "tut lieber etwas, um unsere Rechte als Arbeiter zu stärken!"

Empörung aus der Ferne ist wohlfeil

Die bolivianische Gesetzesänderung ist ein Versuch, dieser Aufforderung nachzukommen. Sie entspringt krudestem Pragmatismus. Es soll auch keineswegs vermehrter Ausbeutung Tür und Tor geöffnet werden, wie es hieß - sondern die Regelung soll zur Entkriminalisierung des Alltags von 850 000 bolivianischen Kindern und Jugendlichen beitragen.

Präsident Evo Morales wird das Gesetz wohl unterschreiben, auch wenn es bereits Proteste vor allem aus den Industrieländern hagelt. Morales selbst kennt die Realität, als Junge musste er Lamas hüten, Ziegel brennen, Zuckerrohr ernten und Trompete spielen - nicht um der kreativen Selbsterfahrung willen, sondern um als Musikant Geld zu verdienen.

Das eigentlich Skandalöse ist auch nicht das bolivianische Gesetz, sondern die Tatsache, dass Kinderarbeit in Ländern wie Bolivien so alltäglich ist, dass man ihr schon die Gesetze anpasst. Doch Empörung aus der Ferne - wie etwa von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion - ist ohnehin wohlfeil.

Wer gegen Kinderarbeit ist, muss das eigene Handeln hinterfragen

Was wir gegen Kinderarbeit tun können, ist bekannt und millionenfach ohne große Wirkung gepredigt worden: Wer gegen Kinderarbeit ist, muss durch sein Konsumverhalten mithelfen, dass Erwachsene in armen Ländern genug verdienen. Wer gegen Kinderarbeit ist, darf keine Fünf-Euro-T-Shirts kaufen, obwohl er sich faire Preise leisten könnte. Wer gegen Kinderarbeit ist, darf keine Rohstoffe verbrauchen, die von Kindersklaven aus gefährlichen Minen gekratzt werden. Wer gegen Kinderarbeit ist, kann kein Weltwirtschaftssystem gutheißen, das die Länder in einen Wettlauf darum zwingt, wer am billigsten produziert.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob es nicht auch eine Form von Kinderarbeit ist, wenn der Nachwuchs - wie in unseren Breiten - vom frühesten Lebensalter an in einen eng vertakteten Alltag gepresst wird, in dem er sich ständig selbst optimieren soll, um später im Rattenrennen der Leistungsgesellschaft besser mithalten zu können.

Die Erkenntnis ist alt, aber etwas Originelleres als die Wahrheit gibt es eben nicht: Wer gegen Kinderarbeit ist, muss seine Werte, seinen Lebensstil und sein Handeln täglich hinterfragen und verändern.