Kettenraucher in New York Jammergestalten im Notausgang

In New York gilt ein absolutes Rauchverbot für Bars, Restaurants, Büros und öffentliche Gebäude. Die Alltagsraucher drücken sich im Winter vor den Bürogebäuden und Restaurants in Mauervorsprünge und Notausgänge, um ihrer Lust auf Tabak nachzugehen. Und im Bild der Öffentlichkeit ist Rauchen schlechtes Benehmen und Domäne von Verlierern und Proleten.

Es ist immer wieder ein Kraftakt, in New York eine Kneipe zu finden, die ihre rauchenden Gäste nicht wie räudige Köter in die Kälte jagt.

Nur am Ende der Welt, dort, wo im südlichen Brooklyn der Atlantik an die Quaimauern der verfallenen Ziegelhallen schwappt, vor denen im 19.Jahrhundert noch die Frachtboote aus dem Eerie Canal anlegten, gibt es eine ehemalige Seemannsbar, in der die Wirtsleute sich nicht um Recht und Ordnung scheren.

Allerdings muss man dazu anmerken, dass sich in dieser äußersten Ecke des verfallenen Hafenviertels Red Hook nicht nur die Polizei, sondern auch Gäste aus dem restlichen New York äußerst selten blicken lassen.

Seit März letzten Jahres gilt in New York ein absolutes Rauchverbot für Bars, Restaurants, Büros und öffentliche Gebäude sowie für Gartenlokale, Sportstadien und Freilufttheater. Wer rauchen will, kann das zu Hause tun, und auch das nur, wenn er keinen Nichtrauchermietvertrag abgeschlossen hat.

Das Gesetz ist streng. Es reicht schon, dass die Inspektoren des Gesundheitsamtes im Geschirrschrank einen Aschenbecher finden, um straffällig zu werden. Dabei behandeln die New Yorker Behörden das Rauchverbot keineswegs als Kavaliersdelikt. Mehr als 2300 Strafbescheide haben die Inspekteure letztes Jahr ausgeschrieben. Beim ersten Mal kostet das zwischen 200 und 400 Dollar, beim dritten Mal die Lizenz.

Bürgermeister Bloombergs Argument für das Verbot: Alljährlich sterben ungefähr 2000 New Yorker Nichtraucher am Passivrauchen.

Bisher hat der lange Arm des neuen Gesetzes vor allem Restaurants und Bars getroffen. Die Wirte fluchen, denn seit dem Rauchverbot wird weniger Alkohol getrunken. Doch auch Büros werden manchmal durchsucht. So bekam der Chefredakteur der Hochglanzillustrierten Vanity Fair vor kurzem unerwarteten Besuch vom Gesundheitsamt. Ein Mitarbeiter hatte ihn anonym wegen Geruchsbelästigung angezeigt.

Die Inspekteure fanden zwar keine Zigaretten oder Stummel. Doch ein unbenutzter Aschenbecher im Chefbüro kostete den Condé-Nast-Verlag 200 Dollar Strafe.

Der New Yorker Winter ist Strafe genug

Für die Alltagsraucher ist der New Yorker Winter Strafe genug. Bei den gefürchteten Eisböen, die durch die Straßenfluchten fegen, drücken sie sich oft hemdsärmelig vor den Bürogebäuden und Restaurants in Mauervorsprünge und Notausgänge, um ihrer Lust auf Tabak nachzugehen - Jammergestalten, denen Minusgrade und Nikotin die Farbe aus dem Gesicht getrieben hat.

Zur Kälte kommt auch noch die Demütigung, denn im Bild der Öffentlichkeit ist das Rauchen längst schlechtes Benehmen und Domäne von Verlierern und Proleten.

Sind die Antiraucherkampagnen Gesundheitsmaßnahmen oder eine neue Prohibition? In den USA gibt es Organisationen wie die National Smokers Alliance, die das Rauchen als Bürgerrecht betrachten, und gegen die Verbote kämpfen. Die wurden allerdings samt und sonders von den selben Lobbyfirmen der Tabakindustrie gegründet, die auch den Council for Tobacco Research gründeten, der pseudowissenschaftliche Studien finanzierte, um gegen die Zahlen der Gesundheitsämter anzukämpfen.

Und die sind finster- alleine in den USA sterben jährlich 400.000 Menschen an den Folgen des aktiven und passiven Rauchens. Und weil die US-Tabakkonzerne angesichts der sinkenden Raucherzahlen aggressive Marketingkampagnen im Ausland starteten, rechnet die WHO bis zum Jahr 2025 mit weltweit 10 Millionen Tabaktoten pro Jahr.

Ausgerechnet ein Sieg der Tabakfreunde hat ihren Gegnern nun weitere Munition geliefert. Im Sommer vor zwei Jahren erließ die Stadt Helena (Montana) ein Rauchverbot für Büros, Bars und Lokale. Schon nach wenigen Monaten fiel die Zahl der Herzkrankheiten um mehr als die Hälfte. Als das Verbot per Gerichtsbeschluss rückgängig gemacht wurde, stieg die Zahl der akuten Herzkrankheiten auf ihren alten Stand.

Im New Yorker Rathaus wird jetzt darüber nachgedacht, das Rauchen auch auf der Straße zu untersagen. In besagter Seemannskneipe qualmen die Gäste allerdings weiter kräftig durch den Abend. Für die meisten hier gehört es nicht zu den guten Neujahrsvorsätzen, das Rauchen aufzuhören. Mehr als gelegentlich eine Zigarette ist ohnehin nicht mehr drin. Kettenraucher wären in New York bald schon arbeitslos, einsam und allein.

SZ vom 3.1.2004