Der Streit über den Testreaktor für Kernfusion zwischen Frankreich und Spanien gefährdet ein Projekt, das manchen Wissenschaftlern zufolge die Energieversorgung der Menschheit sichern könnte.
(SZ vom 1.7.2003) - Es ist heiß dieser Tage in Südfrankreich. Bis auf 38 Grad kletterten in der vergangenen Woche die Thermometer in Marseille. Ein paar Kilometer weiter nördlich - auf dem Gelände des Kernforschungszentrums Cadarache inmitten der provenzalischen Macchia - macht die Sonne das Dasein fast unerträglich. Und nach dem Willen der dort ansässigen Physiker soll es in einigen Jahren an diesem Ort noch viel heißer werden - bis zu 100 Millionen Grad.
Anzeige
Bei dieser Temperatur - heißer als im Sonneninneren - beginnen leichte Atomkerne wie die des Wasserstoffs miteinander zu verschmelzen, wodurch Energie frei wird. Dass dieser Prozess möglicherweise eines Tages dazu taugt, die ganze Welt mit Strom zu versorgen, versuchen Forscher seit mehreren Jahrzehnten zu beweisen.
Ein neuer Fusionsreaktor namens Iter (International Thermonuclear Experimental Reactor) soll endlich den Durchbruch bringen. Bis zum Jahr 2015, so die Planung der beteiligten Staaten, soll der Meiler in Betrieb gehen und erstmals beweisen, dass ein Energie erzeugender Reaktor wissenschaftlich machbar ist.
Doch jetzt gefährdet ein inner-europäischer Streit um den Standort die heißen Träume der Fusionsforscher.
Neben Kanada und Japan bewerben sich nämlich das französische Cadarache und Vandellos in Spanien um die Anlage, die etwa 3000 Menschen Arbeit geben wird. Im Prinzip haben die Europäer die größten Chancen auf das zehn Milliarden Euro teure Experiment, da der kanadische Beitrag zum Gesamtbudget klein ist und das dicht besiedelte Japan mit einem schwer zugänglichen Standort ins Rennen geht.
Doch die zwei konkurrierenden Bewerbungen aus Europa machen das ehrgeizige Forschungsprojekt plötzlich zu einem brisanten Politikum. Nach dem Beschluss des Europäischen Ministerrates vom Mai soll sich Europa nur mit einem Standort bewerben.
Das spaltet nun Spanien und Frankreich im Bereich der Forschungspolitik. Schon streuen spanische Medien Gerüchte, wonach Washington den Spaniern Unterstützung für Iter versprochen haben soll - als Gegenleistung für die Hilfe im Irak-Krieg.
Näher an der Wahrheit dürfte nach Ansicht von Beobachtern die Absicht des spanischen Forschungsministers Josep Piqué sein, sich mit der Katalonischen Volkspartei für die Regionalwahlen im Herbst zu profilieren.
Seine französische Kollegin Claudie Haigneré wirbt unterdessen öffentlich mit der guten Infrastruktur in Cadarache und der attraktiven Lage. Für den französischen Standort spreche auch das finanzielle Engagement der südfranzösischen Regionalregierungen, die fast zehn Prozent zum Gesamtbudget beitragen wollen - so viel wie die USA oder Deutschland.
Eine unabhängige Kommission unter englischer Leitung erarbeitet derzeit eine Empfehlung für den europäischen Standort.
Im Vergleich zur herkömmlichen Kernspaltung erzeugt die Kernfusion weniger radioaktiven Abfall, und der Brennstoff ist nahezu unerschöpflich in der Natur vorhanden.
Bislang ist es jedoch nicht gelungen, diese Technik als dauerhafte Energiequelle zu nutzen. Kritiker der Fusionsforschung, auch Energieexperten des Regierungsparteien im Bundestag, fordern daher mehr Ausgaben für die Erforschung regenerativer Energie statt einer milliardenteuren Fusionsanlage.
"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
(sueddeutsche.de)
Studie zur Beliebtheit der Deutschen