Katholischer Priester angeklagt Missbrauch in 280 Fällen

Einem katholischen Priester aus Salzgitter wird vorgeworfen, sich über sieben Jahre hinweg an drei Jungen vergriffen zu haben. In dem Prozess, der demnächst beginnen soll, wird auch die Rolle der Kirche beleuchtet werden müssen - denn offenbar hatte diese schon frühzeitig Hinweise auf die "Distanzlosigkeit" des Priesters.

Von Ralf Wiegand

Es ist schon im Sommer ein Schock für die katholische Kirche gewesen, die das Schlimmste ja hinter sich gewähnt hatte. 2010 war das Jahr der beschämenden Enthüllungen gewesen, als fast wöchentlich neue Fälle von sexuellem Missbrauch bekannt wurden. Opfer von Kirchenmännern hatten oft Jahre später ihr Schweigen gebrochen.

Das alles sollte vorbei sein. Doch dann nahm im Juli 2011 die Polizei in Salzgitter einen Priester fest, weil er drei Jungen jahrelang sexuell missbraucht haben soll. Nun wird ihm wohl bald der Prozess gemacht, nachdem die Staatsanwaltschaft das ganze Ausmaß des Missbrauchs aufgearbeitet hat.

Insgesamt 280 Fälle hat sie in ihrer Anklageschrift notiert, 267 Mal soll sich der heute 46-Jährige an Kindern, 13 Mal an Jugendlichen vergriffen haben. Den Missbrauch an den drei Jungen im Alter von neun bis 15 Jahren habe der Priester, der seit seiner Festnahme wegen Wiederholungsgefahr in Untersuchungshaft sitzt, gestanden; nur die Häufigkeit bestreite er.

Wann ihm der Prozess gemacht wird, steht noch nicht fest. Unter anderem ist noch ein psychologisches Gutachten zur Schuldfähigkeit des Geistlichen in Arbeit. Möglicherweise sei sie durch eine homopädophile Neigung gestört, sagte eine Sprecherin der Anklagebehörde, was einen Einfluss auf das Strafmaß haben könnte. 223 Mal hat sich der Mann nach Ansicht der Staatsanwaltschaft des besonders schweren Missbrauchs schuldig gemacht, was mit mindestens zwei Jahren Gefängnis zu ahnden wäre.

Der Fall soll bei der Glaubenskongregation in Rom behandelt werden

Vor Gericht wird dem ehemaligen Pfarrer der St.-Josephs-Gemeinde in Salzgitter-Lebenstedt der weltliche Prozess gemacht, kirchenrechtlich soll der Fall bei der Glaubenskongregation in Rom neu aufgerollt werden. Die Vorfälle seien schrecklich und erfüllten ihn "mit großer Scham", sagte der Hildesheimer Weihbischof Heinz-Günter Bongartz laut NDR angesichts der Dimension des Missbrauchs.

Die Rolle der Kirche wird in der Aufarbeitung der regelmäßigen sexuellen Übergriffe, die 2004 begonnen und bis 2011 angedauert haben sollen, erneut beleuchtet werden müssen. Denn der Beschuldigte hatte bereits seit 2006 Kontaktverbot zu einem anderen Jungen, der nicht zu den drei Opfern der Anklage gehört, nachdem sich dessen Mutter darüber beklagt hatte, dass der Pfarrer mit ihrem Sohn in einem Bett übernachtet habe.

Laut Weihbischof Bongartz ist mit dem Priester damals wegen seiner "Distanzlosigkeit" ein ernstes Gespräch geführt worden, um Missbrauch sei es nicht gegangen. 2010 brach der Beschuldigte das Kontaktverbot und schrieb dem Jungen einen Brief. Das Bistum schaltete nun zwar selbst die Staatsanwaltschaft ein, allerdings ohne den Namen des Priesters zu nennen. Die Ermittlungen wurden eingestellt, der Beschuldigte weiter zur Jugendbetreuung eingesetzt.

Erst als die Mutter eines der Opfer im Juni 2011 Anzeige erstattet hatte, konnte die Polizei mit der eigens eingerichteten Sonderkommission "Peccantia" (Sünde) den Fall aufklären. Verhaftet wurde der Priester kurz vor der Abreise mit einer Jugendgruppe ins französische Taizé.