Falsche Informationen
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In Köln herrscht das fortgesetzte Prinzip der kollektiven Verantwortungslosigkeit: A verweist auf B, der alle Verantwortung auf C überträgt, der wiederum hofft, dass er die Schuld wieder bei A abwälzen kann. Es ist ein sich selbst erhaltendes System in der Hoffnung, dass die Öffentlichkeit sich irgendwann entnervt von den Zänkereien abwendet und dabei die Schuldfrage vergisst. In der Frage, welche Behörde die zusätzlichen Brunnen hätte entdecken müssen, geben sich Stadt und Bezirksregierung derzeit munter gegenseitig die Verantwortung.
Und KVB-Vorstand Walter Reinarz, der noch am Mittwoch erklärt hatte, dass die abgepumpte Wassermenge "auf der gesamten Strecke unterhalb des zulässigen Wertes gelegen habe", sagte laut Teilnehmern der Aufsichtsratssitzung nun, "dass ein Mitarbeiter ihn da falsch informiert" habe. Das werde "persönliche Konsequenzen haben", soll Reinarz gedroht haben.
So wandert ein Schwarzer Peter durch Köln, heimatlos. Der Sprecher des ARGE-Führers Bilfinger Berger, Martin Büllesbach, teilte auf SZ-Anfrage mit, dass "aus unserer Sicht die Faktenlage völlig ungeklärt ist und es von daher völlig unverantwortlich ist, sich jetzt an Spekulationen zu beteiligen."
Schiefe Türme und marode Mauern
Doch Fakten gab es reichlich: Den schiefen Turm der Kirche St. Johann Baptist im September 2004 etwa, die Schäden in der Kirche St. Maria Kapitol zwei Monate später. Im August 2007 musste gar der Turmkeller des Rathauses, der für Trauungen genutzt wird, geschlossen werden, weil sich der Ratsturm leicht geneigt hatte. Alles im grünen Bereich, beruhigte die KVB stets. Setzungsrisse seien nicht zu vermeiden, aber es gäbe Gutachten, die auf die Ungefährlichkeit hinweisen. Auch viele Experten vermuten, das es keinen kausalen Zusammenhang zwischen den Setzrissen und dem Unglück am 3. März gibt - aber hätten die Pannen nicht vorsichtiger machen müssen?
Auch das Historische Stadtarchiv fand sich schon vor dem Zusammenbruch in einem schlechten Zustand. "Das Gebäude war total marode", sagte Direktorin Bettina Schmidt-Czaia nach dem Einsturz. "Ich habe immer gesagt, dass wir glücklich sein müssen, wenn es uns gelingt, das Archiv gut aus diesem Haus rauszukriegen." Die Mitarbeiter entdeckten Risse im Keller des Gebäudes und alarmierten die Stadt.
Am 18. Dezember 2008 ließ Baudezernent Bernd Streitberger einen Ingenieur aus Leverkusen kommen, um den Beschwerden der Mitarbeiter nachzugehen. Seine Erkenntnis der Überprüfung erstreckt sich auf gerade einmal neun Sätze und 23 Zeilen. "Unbedenklich" seien die Schäden, schreibt der Prüfer knapp, das Gebäude sei im jetzigen Zustand "ausreichend standsicher". Der Stadt Köln dienten die dürren Worte als Blankoscheck. Alles bestens.
Dabei lautete der letzte Satz der Stellungnahme: "Um eine genaue Ursache für das unterschiedliche Seegangsverhalten herauszufinden und um eventuelle weitere Schäden am Gebäude zu vermeiden, empfehle ich Ihnen, einen öffentlich anerkannten Sachverständigen für Bauwerksschäden einzuschalten." Passiert ist das nicht.
"Heute würde man so einen Satz anders lesen", gestand Baudezernent Streitberger. Aber eben erst heute. Dabei sagt Josef Steinhoff, Professor an der Kölner Fachhochschule und selbst Gutachter, habe der Prüfer mit diesem Satz zugegeben, dass er sich nicht ausreichend befähigt fühlte, die Ursachen zu bewerten. "Wenn man dem nicht nachgeht", sagt Steinhoff, "muss das jemand verantworten". Doch dieser Jemand wird in Köln gesucht.
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(SZ vom 18.3.2009/vw)
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