Kardinalstaatssekretär Bertone Mächtig umstritten

Kardinal Tarcisio Bertone: Papst-Vertrauter und Stellvertreter für die Zeit der Sedisvakanz.

(Foto: dpa)

Kardinal Bertone soll die Aufklärung von Fällen sexuellen Missbrauchs durch Priester behindert, Kungelei geduldet und zu viel Macht beansprucht haben - dennoch wird er den Papst nach dessen Rücktritt vorerst vertreten. Er steht vor schweren Aufgaben.

Von Andrea Bachstein, Rom

Die traurigste Pflicht eines päpstlichen Camerlengo wird ihm erspart bleiben: Kardinal Tarcisio Bertone muss nicht den Tod des Papstes feststellen. Aber wenn Benedikt XVI. am 28. Februar, 20 Uhr, sein Amt aufgibt und die sogenannte Sedisvakanz beginnt, wird Bertone auch Aufgaben übernehmen müssen, von denen noch gar nicht klar ist, wie sie unter derart ungewöhnlichen Umständen zu bewältigen sind.

Bertone begleitet Benedikt schon seit etlichen Jahren. Im April 2007, ein halbes Jahr nachdem der Papst ihn zum Kardinalstaatssekretär - also zum "Regierungschef" des Vatikan - ernannt hatte, machte er ihn auch zum Camerlengo. Der Kardinalkämmerer übernimmt im Alltag Verwaltungsaufgaben, wenn der Papst abwesend ist. Wirklich wichtig wird er erst, wenn der Stuhl Petri verwaist ist. In den vergangenen 700 Jahren bedeutete das: Wenn ein Papst gestorben war. Nun ist es der Rücktritt Benedikts, der Bertone, dem es ohnehin nicht an Machtsinn fehlt, zumindest vorübergehend in den Mittelpunkt rückt.

Zunächst trägt Bertone die Verantwortung dafür, dass die Wahl des neuen Papstes ordnungsgemäß abläuft. Zudem gehören zu seinen Pflichten Rituale am Ende eines Pontifikats wie das Zerbrechen des päpstlichen Siegelrings oder das Versiegeln der päpstlichen Gemächer. Doch geschieht das auch, wenn der Pontifex diese lebendig verlässt? Und müssten nicht auch die Räume in Castel Gandolfo versiegelt werden - wohin Benedikt aber vorübergehend umzieht? Offene Fragen.

"Wir wären nicht ehrlich, Eure Heiligkeit, wenn wir nicht sagen würden, dass an diesem Abend über unseren Herzen ein Hauch von Traurigkeit liegt", sagte Bertone am Aschermittwoch im Petersdom bei der letzten dort von Papst Benedikt gehaltenen Messe. Über den Abschied dürfte Bertone besonders traurig sein. Denn dass ihn der nächste Papst als Kardinalstaatssekretär bestätigt, ist eher unwahrscheinlich.

Mit 78 Jahren ist der Kardinal über die normale Altersgrenze hinaus. Vor allem aber ist er umstritten. Einige im Vatikan finden, Bertone fehle der diplomatische Schliff, den ein Kardinalstaatsekretär benötige. Ihm wird auch die Schuld an dem Eklat um die Pius-Brüder gegeben - Bertones Büro hatte Benedikt XVI. nicht informiert, dass deren Bischof Williamson die Existenz von Gaskammern geleugnet hatte. Bertone soll Kungelei und Misswirtschaft geduldet und zu viel Macht beansprucht haben.

Besonders scharf ist jedoch die Kritik an Bertones Rolle als Sekretär der Glaubenskongregation unter dem damaligen Präfekten Joseph Ratzinger, dem nun scheidenden Papst. In diesem Amt soll er die Aufklärung von Fällen sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester behindert und Milde für die Täter erwirkt haben. Dennoch: Bertone bleibt im Vatikan ein mächtiger Mann. Wegen dieses Einflusses wird er als einer von denen gehandelt, die demnächst als neuer Papst aus dem Konklave kommen könnten.