Kaninchen Tierschützer bombardieren EU-Parlament mit Tausenden E-Mails

Süüüß! Wenn es emotional wird, geht es oft um Tiere, auch in Brüssel.

(Foto: Imago)
  • Tierschützer versenden gerade tausende E-Mails an Abgeordnete des EU-Parlaments.
  • Darin fordern sie die Volksvertreter auf, kommende Woche für härtere Vorschriften in der industriellen Kaninchenzucht zu stimmen.
  • Die Gruppe Animal Equality organisiert die Protestaktion mit, über ihre Website lassen sich vorgefertigte Mails an dutzende Empfänger versenden.
Von Sebastian Jannasch

Seit 13 Jahren sitzt Herbert Reul im Europaparlament. Der 64-jährige CDU-Politiker aus dem Bergischen Land kennt den Brüsseler Betrieb, die Briefe und Anrufe von Lobbyisten gehören zu seinem Alltag. Doch was er derzeit erlebt, ist auch für ihn, den Polit-Profi, außergewöhnlich: Seit Dienstag sind mehr als 11 000 E-Mails in seinem Postfach eingegangen. Und noch immer rauscht alle paar Minuten eine neue Nachricht herein, verstopft den digitalen Postkasten und lässt seinen Angestellten kaum eine Verschnaufpause. Er sagt: "Wir werden bombardiert mit Mails. Meine Mitarbeiter sind zurzeit vor allem damit beschäftigt, die Nachrichten zu löschen. Da kommt man kaum nach."

Der Grund für das große Mitteilungsbedürfnis hat, wie so oft, wenn es um große Emotionen geht, mit Tieren zu tun. In diesem Fall: Kaninchen.

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Kommende Woche stimmen die Europaparlamentarier über einen Antrag ab, der die EU-Kommission dazu bewegen soll, verbindliche Standards für die Kaninchenzucht festzulegen. Federführend bei dem Antrag war der deutsche parteilose Abgeordnete Stefan Eck, der zur Fraktion der Linken gehört. "In der EU werden jedes Jahr 340 Millionen Kaninchen geschlachtet", sagt er. Die allermeisten Tiere würden eng zusammengepfercht in Batteriekäfigen gehalten, in denen sie sich kaum aufrichten können. Schon seit 20 Jahren will Eck ihre Bedingungen verbessern. Unterstützt wird er von Tierschutzorganisationen europaweit, die seit einiger Zeit verstärkt versuchen, den Industrievertretern die Aufmerksamkeit bei Abgeordneten durch massiven Online-Protest abzutrotzen.

Verantwortlich für den vollen E-Mail-Kasten bei Reul und seinen Parlamentskollegen ist vor allem die Tierschutzorganisation Animal Equality. Auf ihrer Website haben sie eine Plattform eingerichtet, auf der Besucher mit wenigen Klicks ihre Unterstützung für den Tierschutz-Antrag signalisieren können. Sobald sie bestätigen, geht eine standardisierte Nachricht an Dutzende deutscher Abgeordneter, auch an Herbert Reul.

Multipliziert man beispielsweise die angegebenen 67 Abgeordneten mit den 39 000 Menschen, die die Aufforderung auf Change.org bereits unterzeichnet haben, ergeben sich allein von dieser Plattform mehr als 2,6 Millionen E-Mails, die sich auf den Rechnern der Abgeordneten stauen. "Mehrere Abgeordnete haben uns schon mitgeteilt, dass sie den Antrag nun unterstützen wollen", sagt eine Sprecherin von Animal Equality. Dann wäre das "Protestcenter", wie die Organisation ihre E-Mail-Aktion selbst nennt, ein Erfolg. Möglich wäre aber auch, dass die Abgeordneten nur von der Mail-Liste genommen werden wollen. Denn das geschieht, wenn sie ihre Zustimmung für die bessere Haltung der Kaninchen signalisieren. Beschwerden über den E-Mail-Terror seien bei der Tierschutzorganisation noch nicht angekommen.

Herbert Reul allerdings macht diese Protestform wütend. Die Kaninchen seien nicht gerade das größte Problem, dass die EU derzeit habe, findet er. Den massiven Ansturm an automatisierten Protestnoten kann er deshalb nicht nachvollziehen. "Bei mir führt es eher dazu, dass ich die Mails nicht ernst nehmen kann." Zugeben muss er aber schon, dass die Masse an Nachrichten dem Thema Aufmerksamkeit bei den Abgeordneten verschafft hat. Und doch will Reul, der kein Liebhaber von Kaninchenfleisch ist, gegen Ecks Antrag stimmen. Seine Fraktion will einen eigenen Antrag einbringen. Bis Dienstag werden die Tierschützer wohl noch versuchen, ihn umzustimmen - und seine Mitarbeiter den Finger auf der "Entfernen"-Taste liegen lassen.

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