Unter den vorauseilenden Druckwellen der Olympischen Winterspiele, die 2010 in Kanada stattfinden werden, haben jetzt schon die Ärmsten in Vancouver zu leiden.
Es ist Montag, und Bernice braucht den Trost von Fremden. Ihr Mann steht vor Gericht, weil er sie verprügelt hat. Deshalb lässt sie sich an der East Cordova Street silbernen Lidschatten auftragen.
Bild vergrößern
"Die Armen werden in die Vorstädte ausgelagert. Das ist die Amerikanisierung Vancouvers." Einer verletzten obdachlosen Frau wird geholfen. (© Foto: Reuters)
Anzeige
Caroline McGillivrai, im Hauptberuf Schauspielerin, hat diesen ambulanten Schönheitssalon für die Frauen im ärmsten Stadtviertel Kanadas eingerichtet, um ihnen ein bisschen Würde zurückzugeben, wie sie sagt.
Das Zimmer in der Downtown Eastside, in dem an jedem Montagabend Haare schamponiert und Hände massiert werden, verwandelt sich nachts in eine Notunterkunft für Obdachlose. Bernice ist 43, sie kam aus einer anderen Provinz in die westkanadische Hafenmetropole Vancouver. Ihre Habe führt sie in Taschen mit sich, ihren Nachnamen will sie nicht nennen.
"Die Downtown Eastside war die letzte Festung für Leute, die nicht reich sind", sagt eine verhärmte Blonde, die sich die Nägel lackieren lässt. "Aber jetzt werden überall Eigentumswohnungen gebaut, und wir werden hinausgedrängt."
"Kanadas Hauptstadt der Obdachlosen"
2300 Obdachlose gibt es in Vancouver, nach offizieller Schätzung sind das 78 Prozent mehr als im Jahr 2005. Insider, wie die Sozialarbeiterin Wendy Pedersen, glauben, dass die Dunkelziffer doppelt so hoch ist. Aber nur 746 Notschlafbetten hat die Stadt. Die Zeitung The National Post nennt Vancouver "Kanadas Hauptstadt der Obdachlosen".
Hunderte von ihnen bevölkern die Straßen der Downtown Eastside, einem Geviert von zwei Quadratkilometern in der Innenstadt. Ein Viertel, das die Behörden gern verbergen würden, weil es mit der Glanzfassade einer der schönsten Städte der Welt so gar nichts zu tun hat. Vor den Olympischen Winterspielen im Jahr 2010 sollen die ärmsten Bewohner den Yuppies Platz machen, sagt Pedersen.
Wenn Medien die Downtown Eastside als "vier Straßenzüge der Hölle" bezeichnen, bringt sie das in Rage. Sie zeigt auf ein gepflegtes Backsteingebäude an der Powell Street, in dem sie seit zwanzig Jahren wohnt: "Hier sind meine beiden Kinder aufgewachsen." Gleich um die Ecke stehen Menschen in langer Schlange vor einer Suppenküche.
Im Oppenheimer-Park in der Nähe haben sich Obdachlose in kleinen Gruppen niedergelassen. Nur wenige Schritte weiter drängt sich die Welt der Wohlhabenden vor, moderne Bauten haben sich Breschen in die alten Straßenzüge geschlagen.
Auf der nächsten Seite lesen Sie, wie die kanadische Regierung mit dem Problem umgeht.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
Bundespräsident Gauck in Jerusalem
...war vielleicht etwas provokant formuliert. Was ich sagen wollte: Ich habe nichts dagegen, wenn den Obdachlosen 5000 Schlafplätze zur Verfügung gestellt werden. Mein Punkt ist aber: warum in der Innenstadt? Dort ist Wohnraum teuer. Aus Sicht der Stadt ist es daher sinnvoll, die 5000 Schlafplätze in einer günstigeren Gegend einzurichten - z.B. in einem Vorort. Was daran so schlimm sein soll, ist mir nicht verständlich.
Selten habe ich so einen würdelosen Kommentar gelesen. Avant3000 sollte sich schämen!
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
Das mit dem milden Klima hätte die Autorin ganz sicher erwähnt,
...wenn sie logisch nachgedacht und recherchiert hätte. Aber es muss ja alles so schnell schnell fix und hopp gehen. Eine "Reportage" ist das nicht.
"2300 Obdachlose gibt es in Vancouver, nach offizieller Schätzung sind das 78 Prozent mehr als im Jahr 2005"
Das mag auf den ersten Blick erschreckend klingen, ist es aber nicht. Viele Obdachlose aus dem ganzen Land kommen regelmäßig nach Vancouver, weil dort ein relativ mildes Klima herrscht - im Vergleich zu Ottawa, Montreal, Calgary. Der Anstieg hat also weniger mit den Bedingungen in Vancouver zu tun. Schade, das hätte die Autorin ruhig erwähnen können.
Paging