Im Eiltempo haben zwei britische Journalisten ein Buch über Natascha Kampusch verfasst - ihre Anwälte drohen den Autoren nun mit Klage.
Es ist schon lange her, dass der britische Journalismus weltweit einen guten Ruf genoss. Heute verbindet man im Ausland mit Publikationen von der Insel häufig eher schlampig recherchierte Sensationsgeschichten über schlüpfrige Einzelheiten aus dem Intimleben prominenter oder notfalls auch weniger berühmter Leute. Human Interest heißen solche Storys im Englischen, weil sie - wohl im Gegensatz zur drögen Politik und Wirtschaft - die Menschen wirklich beschäftigen.
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So wie die Story von Natascha Kampusch. Sie ist wirklich berühmt, ja, man läge wohl nicht falsch mit der Annahme, dass mehr Menschen das Gesicht der 18-jährigen Österreicherin erkennen würden als etwa jenes von UN-Generalsekretär Kofi Annan.
Das übermenschliche Mädchen
Denn die Geschichte der jungen Frau, die als Zehnjährige in Wien von einem Psychopathen entführt und mehr als acht Jahre lang in einem Kellerverlies gefangen gehalten wurde, bevor sie sich dann selbst im vergangenen Sommer befreite, berührt menschliche Ur-Instinkte und -Gefühle. Fast erinnert ihre Geschichte an das Märchen von der Schönen, die kraft ihrer Persönlichkeit das Biest zähmt, das sie in ihrer Gewalt hält.
In erster Linie ist es aber die Mutter aller Human-Interest-Geschichten. Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass zwei britische Journalisten nur drei Monate nach der Flucht Natascha Kampuschs das erste Buch über ihr Schicksal und vor allem über das komplexe Verhältnis geschrieben haben, das sich zwischen dem Mädchen und ihrem Entführer Wolfgang Priklopil über die Jahre entwickelte.
Zudem ist es eine Geschichte über eine beeindruckende Persönlichkeit: "Natascha Kampusch hätte als jemand, der nicht mehr menschlich ist, aus diesem Keller und diesem Haus auftauchen können", heißt es an einer Stelle. "Stattdessen kam sie als beinahe übermenschlich heraus."
Überraschend solide Recherche
"Girl in the Cellar" ("Mädchen im Keller") von Alan Hall und Michael Leidig ist 270 Seiten dick und beim renommierten und seriösen Londoner Verlagshaus "Hodder & Stoughton" erschienen. Schund wird hier nicht publiziert. Es ist das, was man in der Branche einen Schnellschuss nennt: Im Hinblick auf das nahende Weihnachtsgeschäft mit der heißen Nadel gestrickt, um als Erster mit einer Publikation einen gierigen Markt zu befriedigen.
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