Kameramann zertritt Kaninchen Kurzlebiger Keinohrhase

Der Hase ohne Ohren sollte die Attraktion eines sächsischen Tierparks werden. Doch kaum werden die Medien in den Zoo geladen, zerquetscht ein unvorsichtiger Kameramann das Tier mit seinen Schuhen. Wahrscheinlich hat das ohrenlose Kaninchen seinen Widersacher einfach nicht kommen gehört.

Von Martin Wittmann

Eine traurige Nachricht muss sich erst mal setzen, nur so ist zu garantieren, dass bei ihrer Weitergabe der Ton stimmt. Ein abschreckendes Beispiel lieferte am Mittwoch die Nachrichtenagentur dpa, die um 14.19 Uhr eine Meldung mit offenbar überhastet formulierter Überschrift verschickte: "Keinohrhase in Sachsen geboren - nach drei Wochen zertreten". Der Kreislauf des Lebens, kalt auf Fakten reduziert und in rohe Worte geprügelt. Später dann, um 15.42 Uhr, reichte die dpa eine zweite Fassung nach: "Keinohrhase: Attraktion im Tierpark verunglückt". Das liest sich schon sensibler, da hat sich wohl gehörig was gesetzt bei der dpa. Das Problem, so weiß man heute, ist nur: Die erste Fassung ist die einzig richtige.

Das kleine Hauskaninchen ohne Ohren (rechts) wurde gerade mal drei Wochen alt.

(Foto: dpa)

Die Geschichte begann in einem Tierpark im sächsischen Limbach-Oberfrohna. Eine Laune der Natur wollte es, dass dort im Februar ein Tier geboren wurde, dessen Konstitution biologisch von der gesunden Norm abwich. So etwas passiert leider Gottes zuweilen, und wenn es sich dabei um ein Lama mit Rheuma oder einen hinkenden Uhu handelt, wird auch nicht viel Aufhebens um die Sache gemacht. Das Tier in Limbach-Oberfrohna aber war ein Hase, der ohne Ohren zur Welt kam: das real gewordene, da real geworfene Fabelwesen aus dem Kinoerfolg Keinohrhasen von Til Schweiger. Nach Eisbär Knut, dem schielenden Opossum Heidi und Krake Paul dürfte nun also der süße Keinohrhase die Welt erobern: The cute saxon no-ear-bunny.

Drei Wochen gab der vorsichtige Zoo dem Hasen Zeit, sich körperlich für seine Karriere zu rüsten, drei Wochen, während derer die Träume der Oberfrohnaturen Zeit hatten zu gedeihen. Für Mittwoch wurden endlich die Medien eingeladen. Was dem Tier bei diesem Termin widerfuhr, schildert dpa so: "Ein Kameramann passte nicht auf und zerquetschte es beim Rückwärtsgehen mit seinen Schuhen." Purer Wahnsinn.

Für die Überschriftenhermeneutik bedeutet dies Folgendes: Der Hase war zum Zeitpunkt des Todes noch gar keine "Attraktion", auch ist er keineswegs "verunglückt", also nicht von einer Leiter gestürzt oder bei einem Radrennen aus dem Tritt gekommen. Nein, er wurde totgetreten, vulgo: "zertreten", er ist von uns gegangen worden. Und das nicht mit einem Tritt, sondern mit "Schuhen", im Plural. "Jetzt", schreibt am Freitag die Bild, die aus Mitgefühl gleich zwei Reporter an den Tatort schickte, "liegt der Kleine tiefgefroren in der Kühltruhe des Zoos."

Was bleibt nun von der Geschichte? Bittere Ironie. Denn am Ende könnte dem einzigartigen Helden ausgerechnet seine Einzigartigkeit zum Verhängnis geworden sein: Der Keinohrhase hat seinen kameratragenden Widersacher einfach nicht kommen gehört.