Kalte Tage in Anatolien Angst vor dem bösen Wolf

Weil es im Südosten der Türkei nun fast minus 30 Grad hat, suchen Wölfe in Städten nach Nahrung und fallen die Bewohner an.

Von Von Christiane Schlötzer

Die Männer tragen Kalaschnikows, als zögen sie in den Krieg. Aber ihre Feinde sind keine fremden Truppen. Im äußersten Südosten der Türkei begleiten sie bewaffnet Schulkinder, nachdem Wölfe von den Bergen bis in die Vororte der 70000-Einwohner-Stadt Yüksekova gekommen sind und sogar in der Provinzhauptstadt Hakkari Rudel gesichtet wurden.

15 Menschen wurden in Esentepe bei Yüksekova durch Wolfsbisse zum Teil schwer verletzt, darunter fünf Kinder. "Das ist das erste Mal, dass so etwas bei uns passiert ist", sagt Erkan Capraz, 20, dessen Internetzeitung Yüksekova Haber Gazetesi "Wolf-Alarm" schlug.

Feuerschutz auf dem Schulweg

Selbst im rund 1400 Kilometer Luftlinie entfernten Istanbul ist der Alarm angekommen. Die Tageszeitung Radikal zeigte eine Kinderkarawane mit Feuerschutz im tiefen Schnee auf ihrem Titel.

Während am Bosporus die Winter gewöhnlich milde sind, pendeln die Temperaturen in der Provinz Hakkarin, im Grenzdreieck zwischen Iran und Irak, derzeit zwischen 26 und 30 Grad unter Null. "Weil es so kalt ist, kommen die Wölfe aus den Bergen bis in die Stadt", sagt Erkan Capraz.

Früher hätten sie in höher gelegenen Dörfern im Winter Schafsherden angefallen und junge Tiere gerissen. Nun aber seien viele Dörfer verlassen und die Wölfe hungrig.

Wissenschaftler aus Ankara und die türkische Nationalparkdirektion präsentieren noch eine Erklärung: die Tiere kämen aus dem kriegsgeplagten Irak. "Der beständige Fluglärm, Gewehrsalven und Pulverdampf" störten dort das ökologische Gleichgewicht und vertrieben die Wildtiere aus den Bergen, zitierte die Zeitung Zaman am Montag einige Experten. Kurz nach den Wolfsüberfällen in Esentepe wurde gleich ein ganzes Rudel in einem Ortsteil von Hakkari gesichtet.

Stadtteil unter Quarantäne

"Die hungrigen Wölfe kommen zu uns und haben eine Panik ausgelöst", sagt Bürgermeister Ahmet Celebioglu. "Wir haben hier viele Kinder, die früh in die Schule gehen müssen, und wir fürchten um ihr Leben, wenn sie am Abend nach Hause zurücklaufen", klagt er.

Das Gesundheitsministerium in Ankara schickte eine Delegation nach Yüksekova, weil bei den Verletzten Tollwut vermutet wurde, nachdem ein kranker Wolf von Polizisten erschossen wurde. Eine Impfaktion folgte, ein Stadtteil wurde unter Quarantäne gestellt. Der Gouverneur von Hakkari, Erdogan Gürbüz, versichert, alle bewaffneten Kräfte blieben in "Wolfsbereitschaft".

Auch die Schulanfangszeiten wurden geändert, damit Kinder nicht so lange im Dunkeln unterwegs sind. Im Sommer fahren sie in Bussen zur Schule. Im Winter aber sind viele Straßen vereist, und die Schüler stapfen, begleitet von bewaffneten "Dorfschützern", durch den Schnee. Zuweilen tragen sie die Kleineren auf den Schultern.

Die "Dorfschützer" waren einst vom Staat bewaffnet worden, um gegen die kurdische Guerilla PKK zu kämpfen. Ihre Entwaffnung wird seit langem gefordert, weshalb Radikal auch, um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, zu den Bildern schrieb: Es geht "nicht in den Krieg, sondern in die Schule".