Justiz Noch ein Prozess für NSU-Angeklagten André E.

Hände eines Angeklagten: André E. soll einen 18-Jährigen im Mai 2016 in Zwickau verprügelt und mit dem Tod bedroht haben.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)
  • Der im NSU-Prozess Angeklagte André E. muss sich ab kommender Woche in einem weiteren Fall vor Gericht in Zwickau verantworten.
  • Er soll im Mai 2016 einen 18-Jährigen geschlagen, getreten und mit dem Tode bedroht haben.
  • Das öffentliche Interesse an dem Fall ist groß - trotzdem will der Richter nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandeln.
Von Wiebke Ramm

Seit vier Jahren ist André E. dienstags bis donnerstags in München, er ist einer der Angeklagten im NSU-Prozess. Am kommenden Montag kommt für ihn ein weiterer Gerichtstermin hinzu, diesmal in Zwickau: Er soll im Mai 2016 einen 18-Jährigen geschlagen, getreten und mit dem Tode bedroht haben, dafür muss er sich vor dem Amtsgericht Zwickau verantworten. Und der Prozess geht womöglich ähnlich los wie damals der in Sachen NSU: Es gibt Ärger wegen der Plätze im Gerichtssaal.

André E. gehörte zu den engsten Vertrauten der mutmaßlichen NSU-Terroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, bis zuletzt soll er sie unterstützt haben. Auf seinem Bauch hat er die Worte "Die, Jew, Die" tätowiert: Stirb, Jude, stirb. Seine Einstellung zu Gewalt, seine weitere Entwicklung, sein Lebenswandel sind auch für das Urteil der NSU-Richter bedeutsam. Der Prozess vor dem Amtsgericht Zwickau dürfte daher auch für die Prozessbeteiligten in München von Interesse sein. Nur: Der Zwickauer Richter Andreas Nahrendorf will trotzdem nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandeln. Er hat einen Saal gewählt, in dem es genau fünf Plätze für Besucher und Journalisten gibt. Der größte Saal des Amtsgerichts hat immerhin 35 Plätze - er stünde am Montag zur Verfügung, wie ein Gerichtssprecher sagt.

Der Gerichtssprecher erwartet eine "hohe Anzahl" an Medienvertretern

Und so stehen in Zwickau nun ähnliche Turbulenzen wie jene vor Beginn des NSU-Prozesses bevor, als die Justiz die Tragweite des Verfahrens zunächst verkannte und es viel Ärger um die Sitzplatzvergabe gab. Nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts musste der Prozessbeginn verschoben und die Plätze neu vergeben werden.

Es dürfte einiges los sein am Montag in Zwickau: Der Gerichtssprecher erwartet eine "hohe Anzahl" an Medienvertretern. Womöglich bringt E. auch Freunde aus der rechten Szene mit. Und auch die linke Szene ist vermutlich interessiert.

Wenn er seinen Sohn noch einmal anfasse, bringe er ihn um - mit diesen Worten soll André E. den 18-Jährigen im Mai 2016 in Zwickau bedroht haben. Der Jugendliche soll zuvor den damals 14-jährigen Sohn von André E. geschubst haben. Am Abend sollte es angeblich zu einer Aussprache an einem Parkhaus kommen. Doch statt zu reden, soll E. den 18-Jährigen vor den Augen seines Sohnes geschlagen, getreten und mit dem Tode bedroht haben. Laut Anklage erlitt das Opfer Prellungen und Blutergüsse. André E. ist wegen Körperverletzung und Bedrohung angeklagt.

Egal, ob E. verurteilt wird oder nicht - die Saal-Entscheidung des Richters könnte den Richterspruch gefährden. Denn sowohl Verteidigung, als auch Staatsanwaltschaft könnten sie zum Anlass nehmen, um gegen das Urteil vorzugehen: Urteile ergehen "im Namen des Volkes" - und das Volk muss die Chance haben zu verfolgen, wie sie zustande kommen. Zumal Zuschauer für den Angeklagten kaum ein Problem darstellen dürften. André E. sitzt im NSU-Prozess Woche für Woche vor rund 80 Juristen und 20 bis 100 Prozessbeobachtern auf der Anklagebank.

Runen auf dem Bauch

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