#JeSuisBruxelles Ich, einfach untröstlich

Ein Klick, ein Bild, ein paar Worte: Nach den Anschlägen in Brüssel und Paris haben schnell Tausende im Netz ihre Anteilnahme ausgedrückt.

"Je suis... (bitte hier Anlass eintragen)." Im Netz werden Terroranschläge auf solidarisch gemeinte Slogans reduziert. Ist das echtes Mitgefühl oder nur eine Ersatzhandlung?

Von David Pfeifer

Kummer ist nicht verhandelbar, Betroffenheit kann man Menschen weder verordnen noch absprechen. Nur hat sich in den vergangenen Jahren eine neue Form der Traueräußerung etabliert, die, wie so vieles in der zwischenmenschlichen Kommunikation, von sozialen Medien beeinflusst wird.

Als am Dienstag zwei Selbstmordattentate in Brüssel verübt wurden, schwappte bei jedem Menschen, der sich auf Facebook, Twitter oder ähnlichen Diensten herumtrieb, eine Welle der Betroffenheit aus dem Bildschirm in den Alltag. In atemberaubender Geschwindigkeit verbreitete sich die Nachricht - und in kurzer Folge auch die Betroffenheit darüber. Die Ereignisse wurden quasi in Echtzeit kommentiert, manchmal glaubhaft aufrichtig und hilflos, häufig auch dumm und übereifrig. Soziale Netzwerke haben in solchen Momenten eine ungeheure Kraft, da sie das Gefühl herbeisimulieren, man sei als Nutzer beinahe dabei gewesen.

Nur sind hastige Posts für aufrichtige Anteilnahme eher ungeeignet. Sie verflachen das für die Betroffenen unfassbare Ereignis zu einer Online-Kachel, die durch die Timeline rutscht. Die Katastrophe wird zu einer Meldung von vielen, die man zwischen Katzenvideos und Selbstporträts mit einem nach oben gereckten Daumen kommentieren kann.

Charlie Sein oder Nichtsein

Auf Distanz zu "Je suis Charlie": Nach der großen Welle der Solidarität mit den ermordeten französischen Zeichnern zeigen auch viele Menschen ihr Unbehagen mit der Aktion. Es ist Kritik am Gruppenzwang - aber auch an etwas ganz anderem. Von Lilith Volkert mehr ...

Private Gefühlsbekenntnisse ("Oh mein Gott, ich war erst vor zwei Monaten in Brüssel. Ich trauere mit den Menschen vor Ort!") überlagern das echte Ereignis und die Nöte der tatsächlich Betroffenen. Es geht in erster Linie darum, wie man sich selbst bei der Nachricht fühlt. Man kennt das Phänomen von Beerdigungen, wo sich häufig diejenigen untröstlich in Tränen auflösen, die dem Toten nicht so nahe standen. Und die sozialen Netzwerke sind in diesen, wie in fast allen Lebenslagen, eben Brandbeschleuniger für Stimmungslagen.

Manche Nutzer erfinden ihr Leben aufregender, als es in Wahrheit ist

Die charakterliche Deformation, die einige Menschen erleiden, sobald sie sich virtuell präsentieren, ist schon viel belächelt worden. Manche Nutzer erfinden ihr Leben deutlich aufregender, als es in Wahrheit ist. Andere wollen vor allem belegen, wie schnell und gut sie über alles Bescheid wissen. Es gibt diejenigen, die endlich einen Kanal für ihre starken Meinungen gefunden haben. Und solche, die einfach nur Nähe zur Weltgemeinschaft suchen. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange es darum geht, die lustige Oscar-Rede als Erster zu kommentieren oder seine Füße an exotischen Urlaubsorten abzulichten und das Bild zu teilen.

Leider werden auf diese Weise aber auch Katastrophen auf schlichte Symbole reduziert, weil die sich in den sozialen Netzwerken am schnellsten begreifen und weiterverteilen lassen.

Der Designer Joachim Roncin bündelte seinen Schrecken nach den Morden in der Charlie-Hebdo-Redaktion in der plakativen Formel "Je suis Charlie" - die Texttafel wurde als Symbol der Betroffenheit immer wieder geteilt und geliked. Die Anschläge in Paris vom November inspirierten den Künstler Jean Jullien dazu, das Friedenszeichen mit einer Skizze des Eiffelturms zu verbinden. 1,4 Millionen Instagram-User mochten und verbreiteten das Bild. Es wurde auf T-Shirts gedruckt und an Hauswände gemalt. Andere färbten zumindest ihr Facebook-Profilfoto in den Farben der Trikolore. So wird Anteilnahme in den Lifestyle eingebunden. Für die Brüsseler Anschläge konkurrierten nun die trauernden Comic-Helden Tim und Struppi und Manneken Pis, der seinen Strahl auf Terroristen richtet, um die stärkere Symbolkraft.

Roncin und Jullien hatten sicher nicht die eigene Berühmtheit im Sinn, als sie ihre Symbole entwarfen, doch in den sozialen Netzwerken sind Likes und Follower nun mal so etwas wie eine Währung. Und die neuen Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie befeuern einen Wettbewerb - auch dann, wenn es um Trauer und Entsetzen geht. Wer wird wie schnell und wie laut gehört, geliked, geteilt? Es entsteht ein Markt der Emotionen.