Japan Mehr als 100 Tote

In der Präfektur Hiroshima sind durch die Überflutungen etliche Häuser unterspült worden.

(Foto: Reuters)

Regen, Erdrutsche, Chaos: Schwere Unwetter im Westen Japans haben zu großen Verwüstungen geführt.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Sintflutartige Regenfälle haben im Westen Japans große Verwüstungen angerichtet. Bis Montagabend zählten die Feuerwehren 116 Tote, mehrere Dutzend Menschen werden noch vermisst. Besonders betroffen war die Region um die Großstadt Hiroshima. Der Regen setzte schon am Donnerstag ein, übers Wochenende löste er beinahe 250 Erdrutsche aus, so der japanische Wetterdienst. Flüsse traten über die Ufer, Dämme brachen. Das führte zu großflächigen Überschwemmungen. In der Region Okayama suchten mehr als tausend Menschen auf ihren Dächern Zuflucht, sie wurden mit Booten und Hubschraubern gerettet. Am Montag hörte der Regen auf, von den 5,9 Millionen Einwohnern in 19 Präfekturen, deren Evakuierung angeordnet worden war, harrten noch 23 000 in Schutzräumen aus. Der Wetterdienst warnte jedoch, obwohl der Wasserpegel sinke, könne zu es weiteren Erdrutschen und Überflutungen kommen.

Am Montag waren 73 000 Helfer im Einsatz, unter ihnen 48 000 Soldaten. Die Aufräumarbeiten werden Wochen dauern. Premierminister Shinzō Abe bezeichnete die Situation als "sehr ernst" und sagte seine Europareise ab. Er wollte am Mittwoch in Brüssel den Freihandelsvertrag zwischen Japan und der EU unterzeichnen. Nun reist er ins Krisengebiet, und die Zeremonie ist auf Dienstag kommender Woche verschoben. Statt in Brüssel wird sie in Tokio stattfinden.

Im der historischen Stadt Kurashiki standen 4600 Häuser unter Wasser, ein Krankenhaus mit etwa 200 Patienten musste evakuiert werden. Straßen wurden weggespült, in Karatsu auf der Insel Kyushu entgleiste ein Zug. 37 Bahnlinien waren am Montag unterbrochen, obwohl der Wasserpegel sank. Die Gleisbetten könnten instabil geworden sein. Die Automobilhersteller Mazda und Daihatsu stellten in ihren Fabriken den Betrieb ein, einige Zulieferketten waren unterbrochen. Außerdem, so hieß es von den Unternehmen, gehe die Sicherheit der Arbeiter vor, zumal manche ihre Häuser verloren haben.

Kaori Ito, die Bürgermeisterin von Kurashiki, rief die Japaner in der Zeitung Asahi Shimbun auf, Kleider zu spenden: "Niemand hat etwas anzuziehen. Wir brauchen Hemden, Hosen, Unterwäsche, Socken und sogar Schuhe." In ganz Westjapan hatten am Montagabend noch etwa 240 000 Häuser kein Trinkwasser. Die Grundschule auf der kleinen Insel Nuwa in der Inlandsee zwischen Hiroshima und der Insel Shikoku hatte bisher sechs Schüler. Zwei von ihnen sind umgekommen. Ein Erdrutsch hat das Haus zermalmt, in dem die zwei Schwestern lebten, die Erstklässlerin Yui und Hinata, eine Drittklässlerin. Auch ihre Mutter starb.

Japan ist Überschwemmungen gewöhnt. Nach Taifunen und während der Regenzeit treten Flüsse häufig über die Ufer und es kommt zu Erdrutschen. Im August 2014 starben bei einem Taifun in Hiroshima 77 Menschen. Seit einigen Jahren tritt im Katastrophenfall automatisch ein Krisenstab zusammen, der vom Premier geleitet wird. So wie in den vergangenen Tagen habe es jedoch seit Jahrzehnten nicht geregnet. Einige Messstationen in Westjapan registrierten über längere Zeit 100 Millimeter Regen pro Stunde, hieß es von Japans Wetterdienst. Er hatte die jährliche Regenzeit vor einigen Tagen bereits für beendet erklärt.