Japan Endlich zwanzig

(Foto: Kim Kyung-Hoon/Reuters)

Zum 70. Mal ehrt Japan mit dem Feiertag "Seijin no Hi" alle Volljährigen; sie werden in festliche Gewänder gehüllt und auch auf ihre Pflichten hingeweisen.

Von Martin Zips

Die Volljährigkeit ist eine schwierige Sache. So scheinen die Menschen in Turkmenistan, Vietnam und Usbekistan (Volljährigkeit schon mit 16) deutlich schneller zur Reife zu gelangen als die Menschen in Lesotho, Swasiland und Singapur, wo man erst mit 21 als volljährig gilt. Nicht einmal in den USA ist man sich sicher, ob der Mensch nun mit Vollendung seines 18. Lebensjahrs (z.B. in Utah), des 19. Lebensjahrs (z.B. in Alabama) oder des 21. Lebensjahrs (z.B. in Mississippi) von Rechts wegen erwachsen ist. Sicher sind sich fast alle Kulturen eigentlich nur darin, dass das Erreichen der "Majorennität" mal wieder ein Grund zum Feiern ist. Und davon kann man gar nicht genug haben, in einem derart kurzen Menschenleben.

In Japan haben sie vor genau 70 Jahren den "Seijin no Hi" eingeführt, einen gesetzlichen Feiertag zur Ehrung aller Volljährigen. Immer Anfang Januar dürfen sich all jene hochleben lassen, deren 20. Geburtstag zwischen dem 2. April des vergangenen Jahres und dem 1. April des aktuellen Jahres liegt. Japaner, die also erst am 2. April 2018 zwanzig werden, müssen mit ihrem Seijin no Hi noch ein Jährchen warten. Die anderen wurden gerade wieder, in festliche Gewänder gehüllt, während der sogenannten Seijin-shiki-Zeremonie auf ihre Pflichten hingewiesen, durften der Rede eines rhetorisch einigermaßen begabten Kommunalpolitikers lauschen und konnten sich danach erstmals ganz offiziell einen ordentlich hinter die Binde kippen. (Wählen und Autofahren ist schon mit 18 Jahren erlaubt.)

Ebenso wie der "Tag des Ozeans", der "Tag des Respekts vor dem Alter" und der "Tag des Sports" ist der "Tag der Volljährigkeit" in Japan übrigens ein Teil des "Happy Monday Systems", fällt also immer auf einen Montag (den zweiten im Januar nämlich), was den Japanern ein fröhliches, verlängertes Wochenende beschert. Mehr als ein Viertel der Japaner ist allerdings schon älter als 65, könnte theoretisch also ständig "Happy Monday" feiern. Aber nur theoretisch.

Schamanen, Öle und Billighotels können für Initiationsriten unendlich wichtig sein

Noch größer ist die weltliche Kluft bekanntlich, was die ideelle Volljährigkeit angeht. Hier werden mal elfjährige Jungs zelebriert, die sich von fusseligen Schamanen ins ewige Eis führen lassen (bei den Inuit auf der kanadischen Baffininsel), mal 13-Jährige, die sich im Angesicht ihrer Väter von Riesenameisen stechen lassen (im brasilianischen Amazonasgebiet), mal 16-Jährige, die nackt über ein kastriertes Rind springen (bei den Hamar in Äthiopien). Auch Haarnadeln, Lianen, Schneidezähne, Blut, heilige Öle oder Billigabsteigen auf Mallorca können bei solchen Initiationsriten eine wichtige Rolle spielen.

Dabei ist Reife im Gegensatz zur Volljährigkeit etwas, was manche vielleicht schon früh, andere hingegen nie erreichen. Selbst, wenn sie sich zu stabilen Genies erklären. Die "depositio cornuum", das "Abstoßen der Hörner" und seine Folgen kann am Ende eben weitreichende Folgen haben - von Mallorca bis Japan und von Washington bis Turkmenistan.