Japan ein Jahr nach Fukushima Shoganai - die Atomkraft kommt zurück

Zehntausende leben in Japan noch immer in Containern, viele Kinder werden in Schulen weit weg von ihrem früheren Wohnort unterrichtet. Zwar sind zum Jahrestag der Katastrophe Andachten geplant, doch die meisten Japaner begehen ihn mit Fatalismus, Und die Regierung will nach den Gedenkfeiern bald wieder Kernreaktoren in Betrieb nehmen.

Von Christoph Neidhart

Der Tsunami überfiel Japan am Ende des Schuljahres. Entlang der Küste von Tohoku fielen Hunderte jener Festakte aus, mit denen Japans Schulen ihr Jahr beschließen. Ein Jahr danach kommt nun bei den Schulschlussfeiern die Trauer wieder hoch. Dazu Resignation und Ungeduld. Mehrere zehntausend Familien leben noch in Containern. Die Behörden wissen noch nicht einmal, wo ihre Häuser wieder aufgebaut werden können. Immerhin können Kinder, die mitansehen mussten, wie die Fluten ihre Dörfer und Städte wegspülten und von denen viele Angehörige verloren haben, der traumatischen Erlebnisse gemeinsam gedenken.

Welt in Trümmern

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Dieser Trost bleibt Schülern versagt, die aus der Sperrzone um das Kernkraftwerk Fukushima I evakuiert wurden. Man hat sie über viele Schulen verteilt, sie sollen möglichst nicht mit dem Reaktorunfall in Verbindung gebracht werden. Ihre Eltern fürchten, sie würden diskriminiert. Obwohl Japans Medien derzeit täglich über die Tsunami-Opfer und die dreifache Kernschmelze berichten, würde man die Katastrophe im übrigen Japan am liebsten vergessen.

Von Tokio aus ist es nicht weit in die Erdbeben-Region Tohoku, doch der dünnbesiedelte Norden ist eine andere Welt. Seit jeher arm und überaltert, vernachlässigt von der Zentralregierung. Selbst auf dem Höhepunkt der Katastrophe beschäftigte sich die Politik mehr mit ihren Grabenkämpfen als mit den Opfern. Das ist, auch wenn in den Reden am Sonntag das Gegenteil behauptet werden wird, bis heute so.

Die Menschen in der Hauptstadt haben nie wirklich zur Kenntnis genommen, dass die Regierung zeitweise über ihre Evakuierung nachdachte - und dass der damalige Premier Naoto Kan die Stadt wohl gerettet hat, als er nicht zuließ, dass Tepco das AKW sich selber überließ, wie es der damalige Tepco-Boss Masataka Shimizu wollte. Totenfeiern für die Tsunami-Opfer wird es in den buddhistischen Tempeln in ganz Japan geben. Derweil lädt die Regierung Angehörige von Todesopfern zu einer Feier ins Tokioter Nationaltheater. Japans Politiker reisen nicht gerne nach Tohoku.

Vor dem Jahrestag haben private Gruppen hochkarätiger Physiker und Intellektueller ihre eigenen Untersuchungen der Nuklearkatastrophe veröffentlicht. Während die Betreibergesellschaft Tepco vor Monaten zum Schluss kam, man habe nichts falsch gemacht, fallen die neuen Verdikte für die Regierung und für Tepco verheerend aus. Der Physiker Eiichi Yamaguchi vom "Fukushima-Projekt", einer Bürgerinitiative, glaubt belegen zu können, Tepco habe die Kühlung der Reaktorkerne mit Meerwasser verzögert, weil man hoffte, sie noch irgendwie retten zu können. Denn Meerwasser macht einen Reaktor unbrauchbar. Mit dieser sofortigen Kühlung hätte Tepco die Wasserstoff-Explosionen in Block 2 und Block 4 verhindern können, es wäre viel weniger Radioaktivität freigesetzt worden.

Die meisten Menschen interessiert der Streit der Experten wenig. Die großen Medien halten sich mit Kritik an der Atomwirtschaft zurück. Auch im Nationaltheater wird kein kritisches Wort fallen. Dagegen wird im Tokioter Hibiya-Park am Sonntag ein "Friede-auf-Erden"-Fest mit Protest-Songs und -Reden über die Bühne gehen. Inzwischen fordern 70 Prozent der Japaner den sofortigen oder allmählichen Ausstieg aus der Kernenergie. Doch nur wenige gehen dafür auf die Straße. Eher sagen sie "shoganai": Man kann nichts machen.

Im Moment sind in Japan von 54 Reaktoren nur zwei am Netz; warum das Energiesystem noch nicht zusammengebrochen ist, vermag die Regierung nicht recht zu erklären. Premier Yoshihiko Noda hat begonnen, dem Volk die "Stresstests" anzupreisen, mit denen die Kraftwerke als sicher deklariert werden. Noda will, dass einige Reaktoren bald wieder angefahren werden. Er unterstützt Tepco auch im Bemühen, Atomtechnik ins Ausland zu verkaufen. Derweil kann sich seine Regierung nicht auf ein Energiekonzept einigen, das Sonne-, Wind- und Geothermie-Strom fördern soll.

In Koriyama, der zweitgrößten Stadt der Präfektur Fukushima, ist für Sonntag eine große Demo gegen die Atomkraft geplant. Protestieren werden vor allem Auswärtige; die meisten Japaner werden davon gar nichts wissen, weil die Medien kaum berichten: shoganai.