Japan: Augenzeugenberichte Als wäre das Weiterleben unmöglich

Die Stadt Iwaki ist zerstört von Erdbeben und Tsunami, die Menschen mussten die Region verlassen - auch wegen des Strahlenrisikos aus Fukushima. Wie meistern sie nun ihren Alltag? Vier Einwohner von Iwaki erzählen aus ihrem Leben nach der Dreifachkatastrophe.

Aus dem Japanischen von Marlene Weiss

Hierzulande überstrahlt die Reaktorkatastrophe von Fukushima seit Wochen alle anderen Meldungen aus Japan. Wie aber bewältigen die Japaner einen Monat nach der Dreifachkatastrophe ihren Alltag? Gibt es überhaupt wieder so etwas wie einen Alltag? Was bedeutet es, evakuiert zu werden? Und wie haben die Menschen die widersprüchliche Informationspolitik ihrer Regierung erlebt? Wir haben Bewohner der Stadt Iwaki gebeten, uns zu schreiben. Iwaki wurde stark vom Erdbeben getroffen und liegt am Rande der Evakuierungszone. Wer den Betroffenen im Erdbebengebiet helfen will, kann die Initiative von Filmemacher Werner Penzel unterstützen, Erdbeben- und Tsunamiopfer, aber auch Menschen, die Angst vor dem kollabierten Reaktor von Fukushima haben, unentgeltlich bei sich aufzunehmen.

"Ich bin verblüfft, wie leicht eine Katastrophe das Leben aller Menschen unterbrechen kann." Hiroshi Shishido

(Foto: Shinobu Ito)

Hiroshi Shishido, 47 Jahre

Seit dem 11. März gibt es bei uns keinen Alltag mehr: Die Abschlussfeiern des sechsten Schuljahres, auf die sich die Kinder gefreut hatten, wurden verschoben, die Unternehmen haben ihre Geschäfte wegen der Schäden an den Gebäuden und des abgestellten Wassers geschlossen, die Inszenierung von Shakespeares "Viel Lärm um Nichts", bei der ich mitmache, ist unterbrochen, weil das Theater als Notunterkunft dient. Die Läden sind geschlossen, weil die Lastwagen mit den Lieferungen aus Angst vor Strahlungskontamination nicht mehr nach Iwaki kommen, und mit dem Auto kann man nirgends mehr hinfahren, weil die Raffinerien und Entladehäfen durch den Tsunami zerstört wurden. Ich bin verblüfft, wie leicht so eine Katastrophe das Leben aller Menschen unterbrechen kann.

Während der ersten Woche hat man es gerade so geschafft weiterzuleben: Trinkwasser besorgen, bei den letzten offenen Läden einkaufen, die Lebensmittel zu Hause überprüfen. Ab dem zweiten Tag schlossen nach und nach die Geschäfte, danach ging das Selbstversorgerleben noch eine Woche lang weiter. Die Hilfsgüter kamen zwar an, aber es dauerte lange, sie zu verteilen, deshalb war es trotzdem schlimm. Für ein bisschen Essen und zehn Liter Wasser musste man stundenlang anstehen. Wenn in der modernen Gesellschaft die Verteilung der Güter unterbrochen ist, stehen viele Menschen sofort vor einer Hungerkrise - das haben wir am eigenen Leib erfahren.

Als etwas Zeit nach dem Erdbeben vergangen war, kamen die Berichte über die kritische Situation in Fukushima. Viele Leute um mich herum sind auf eigene Faust geflohen. Ich konnte die Stadt einfach nicht verlassen. Ich wusste, dass Radioaktivität entweicht. Aber die Strahlungswerte in Iwaki waren die ganze Zeit auf einem Niveau, das für Menschen nicht gefährlich ist. Wenn man fliehen muss, wird das die Regierung schon sagen, habe ich optimistischerweise gedacht.

Ich selbst habe weniger Angst vor der Strahlung als davor, durch die Folgen des Erdbebens meine Arbeit zu verlieren. Meine Firma beliefert auch Unternehmen in Süddeutschland. Das Erdbeben hat die Fabriken beschädigt, aber um den Kunden keinen Ärger zu verursachen, arbeiten wir mit aller Kraft an den Reparaturen. Dadurch, dass wir weiterarbeiten, können wir der Stadt Steuern und den Mitarbeitern ihre Gehälter zahlen, mit diesem Geld geht das Leben in der Region weiter. Wir wollen Iwaki mit unserer Arbeit helfen.

Im Ausnahmezustand

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