Jagd auf Albinos in Afrika Tödlicher Aberglaube

Auch Albino-Kinder werden wegen ihrer hellen Haut in Afrika gejagt. Deren Blut soll dem Aberglauben nach Glück bringen.

(Foto: Reuters)
  • Zwischen 1998 und 2015 hat eine Menschenrechtsorganisation 140 Tötungen von Albinos in Afrika verzeichnet.
  • Hinter der Verfolgung von Albinos steckt ein weit verbreiteter Aberglaube, dem zufolge Körperteile von Albinos Glück bringen.
  • Jetzt hat die Polizei mehr als 220 selbsternannte "Heiler, Hellseher und Zauberer" bei Razzien festgenommen.
  • Der breite Rückhalt in der Bevölkerung für die obskuren Praktiken erschweren die Verfolgung von Straftaten.
Von Tobias Zick, Kapstadt

Die tansanische Regierung greift durch: Mehr als 220 selbsternannte "Heiler, Hellseher und Zauberer" habe man bei Razzien festgenommen, erklärte die Polizei des ostafrikanischen Landes jetzt. Es ist der jüngste und drastischste Schritt im Bestreben, die in dem Land verbreitete Jagd auf Albinos einzudämmen.

In weiten Teilen Zentral- und Ostafrikas leben Menschen, denen von Geburt an Pigmente in Haut, Haaren und Augen fehlen, gefährlich - aber nirgendwo werden sie so häufig gejagt wie in Tansania. Zwischen 1998 und 2015 hat die Menschenrechtsorganisation "Under The Same Sun" 140 Tötungen von Albinos in Afrika verzeichnet, davon etwa die Hälfte in Tansania. Dahinter steckt ein weit verbreiteter Aberglaube, dem zufolge Körperteile von Albinos Glück bringen: Weiße Haare, in Fischernetze geknüpft, sollen die Fangchancen vergrößern, das Trinken von Albino-Blut das Liebesglück steigern. Besonders kostbare Trophäen sind Amulette oder Schuhe aus Albino-Haut. Für die Hexendoktoren, die mit derlei Menschenmaterial handeln, ist es ein lukratives Geschäft: Bis zu 70 000 Euro sollen die Körperteile eines kompletten Leichnams auf dem Markt einbringen.

Makabre Attacken auf ein 18 Monate altes Mädchen

In jüngster Zeit haben eine Reihe besonders makabrer Attacken Aufsehen erregt: Im Februar war im Norden des Landes ein 18 Monate altes Mädchen im Wald tot aufgefunden worden, Arme und Beine des Leichnams waren abgetrennt. Unbekannte hatten das Kind Tage zuvor bei einem nächtlichen Überfall entführt und dabei seine Mutter schwer verletzt. Vergangene Woche hackten Angreifer einem sechsjährigen Jungen mit einer Machete eine Hand ab, auch seine Mutter kam ins Krankenhaus, nachdem sie versucht hatte, ihren Sohn zu verteidigen. Berichten zufolge haben sich Attacken auf Albinos in den vergangenen Monaten gehäuft, was unter anderem auf die im Herbst anstehenden Parlamentswahlen zurückzuführen sein dürfte: In Wahlkampfzeiten ist unter den Anwärtern auf einen Abgeordnetenposten der Bedarf an Glücksbringern besonders groß.

Die Regierung hatte den selbsternannten Hexendoktoren bereits Mitte Januar den Kampf angesagt: Sollten sie ihre Praktiken fortsetzen, kündigte Innenminister Mathias Chikawe an, würde man sie allesamt in einer landesweiten Operation "festnehmen und vor Gericht bringen", um so das Problem, "das dem internationalen Ruf unseres Landes schadet, ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen". Bislang hatten weniger als zehn Prozent der Gerichtsverfahren wegen Morden an Albinos mit einer Verurteilung geendet.

Verbreiteter Aberglaube erschwert Verfolgung von Straftaten

Was die Ahndung der Taten erschwert, ist der breite Rückhalt, den die obskuren Praktiken in der Bevölkerung genießen: Umfragen zufolge glauben 93 Prozent der Tansanier an Hexerei. Für die Tansanische Albino-Gesellschaft ist die Verhaftung der Hexendoktoren deswegen bestenfalls ein erster Schritt: Die Regierung müsse viel mehr in Aufklärung und Bildung investieren. Bislang sehen viele Tansanier in einem Albino eine Art Geist, der nicht wie ein Mensch stirbt, sondern vielmehr auf wundersame Weise "verblasst".