Mehrere Erdstöße haben die italienische Region Abruzzen erschüttert. In der Hauptstadt L'Aquila stürzten Häuser ein, Dutzende Bewohner kamen ums Leben. Viele Menschen flüchten verängstigt aus der Stadt - und die Retter suchen fieberhaft nach Überlebenden.

Nach dem schweren Erdbeben in den italienischen Abruzzen ist die Zahl der Toten auf mehr als 150 gestiegen. Dies meldete am Montagabend die italienische Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf Angaben aus den Krankenhäusern der am schlimmsten betroffenen Stadt L'Aquila. Darunter sind fünf Kinder, teilte der Zivilschutz am Montag mit.

Aquila Erdbeben; AP

Dutzende Tote, Hunderte Verletzte, Tausende Obdachlose: Ein schweres Erdbeben hat die Menschen in Mittelitalien ins Chaos gestürzt. Die ersten Bilder. (© Foto: AP)

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Gegen 3.30 Uhr bebte die Erde etwa 30 Sekunden lang und überraschte die Menschen im Schlaf. Dächer brachen über den Schlafenden zusammen, zahlreiche Menschen wurden unter Trümmern verschüttet.

Nach Angaben von Regierungschef Silvio Berlusconi wurden mindestens 1500 Menschen verletzt, mehr als 70.000 wurden obdachlos. Die Zahl der Obdachlosen könne laut Nachrichtenagentur 70.000 erreichen. Mehr als 10.000 Häuser wurden beschädigt. Bis zum Abend werde ein Zeltlager für bis zu 20.000 Betroffene aufgebaut, kündigte Silvio Berlusconi vor Journalisten in L'Aquila an. Niemand werde seinem Schicksal überlassen.

"Das heißt, dass wir uns in den nächsten Wochen um Tausende Menschen kümmern müssen", sagte Agostino Miozzo vom Zivilschutz dem Sender Sky Italia. "Unser Ziel ist es, allen heute Abend ein Dach über dem Kopf zu geben."

Besonders stark von dem nächtlichen Beben betroffen sind die Haupstadt der Region Abruzzen, L'Aquila, und die Orte Paganica und Poggio Picenze, berichteten italienische Medien am Montag. Es müsse mit steigenden Opferzahlen gerechnet werden, da es in den historischen Zentren einiger Städte schwere Zerstörungen gebe, hieß es. Tausende Gebäude seien eingestürzt oder beschädigt. Das Epizentrum der Naturkatastrophe lag in den Abruzzen östlich von Rom.

In L'Aquila bot sich ein Bild der Verwüstung, und Rettungskräfte suchten in den Trümmern zahlreicher eingestürzter Häuser nach Opfern, wie ein AFP-Fotograf vor Ort berichtete.

Nach Angaben von Innenminister Roberto Maroni wurden zur Verstärkung rund 1500 Feuerwehrleute und 200 Polizisten ins Erdbebengebiet geschickt.

Vor dem Krankenhaus von L'Aquila mussten Verletzte unter freiem Himmel behandelt werden, die Notaufnahme war überfüllt. Nur ein einziger Operationssaal stand dort zur Verfügung. Die Universitätsklinik der Stadt musste wegen Einsturzgefahr gesperrt werden. Ein Feldlazarett war laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa auf dem Weg nach L'Aquila. Die am schwersten Verletzten wurden per Hubschrauber in benachbarte Krankenhäuser transportiert.

Das Erdbeben sei wie "die Apokalypse" gewesen, berichtete die Überlebende Maria Francesco aus L'Aquila. Ihr Haus sei vollständig eingestürzt, nichts sei mehr übrig. Schon seit drei Monaten habe es immer wieder Erdstöße in der Region gegeben. Besonders betroffen war das historische Stadtzentrum von L'Aquila mit seinen engen Gassen und Renaissance-Gebäuden. Der Dom der Kathedrale stürzte ein, ein Studentenwohnheim wurde teilweise zerstört.

Tausende Bewohner der 60.000-Einwohner-Stadt flüchteten aus Angst vor Nachbeben auf die Straßen. Zahlreiche Bewohner flüchteten mit Koffern in der Hand zu Fuß aus L'Aquila. Das Beben war in ganz Mittelitalien zu spüren, von der Adriaküste bis zum Tyrrhenischen Meer. In der Hauptstadt Rom wurden zahlreiche Bewohner durch die Erschütterungen geweckt.

Dass in der Nacht etwas Furchtbares geschehen war, spürten die Menschen auch in anderen Teilen Italiens. Bis nach Neapel und Salerno war das Beben zu spüren. "Ich bin aufgewacht, weil mein Bett gegen die Wand donnerte", berichtete eine Leserin der Repubblica aus Rom. "Mir kam es vor wie der Ausbruch des Vesuvs." Eine bei L'Aquila lebende Österreicherin berichtete: "Wir haben wirklich Angst gehabt um unser Leben, dass es so stark kommt, hat niemand ahnen können."

Bei der italienischen Regierung gingen Hilfsangebote aus aller Welt ein. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso äußerte sein Beileid. Die Kommission sei in ständigem Kontakt mit den italienischen Behörden, um Hilfe anzubieten, Italien habe diese aber bislang nicht verlangt, sagte eine Kommissionssprecherin. Denkbar sei, dass die EU Italien mit Notunterkünften für durch das Beben obdachlos gewordene Menschen unterstütze. Papst Benedikt XVI. bete für die Opfer des Erdbebens und besonders für die Kinder, teilte der Vatikan mit.

Der italienische Staatssekretär Guido Bertolaso sprach von der "schlimmsten Katastrophe seit Beginn dieses Jahrtausends." Bertolaso ist in der Regierung Berlusconi zuständig für den Zivilschutz. Regierungschef Silvio Berlusconi sagte derweil eine für Montag geplante Russlandreise ab. Er habe über die Katastrophenregion den Notstand verhängt.

US-Präsident Barack Obama und sein türkischer Kollege Abdullah Gül haben den Angehörigen der Erdbebenopfer in Italien ihr Beileid ausgesprochen. Er hoffe, dass die Helfer in Italien den Schaden begrenzen könnten, sagte Obama nach einem Treffen mit Gül in Ankara. Gül sagte, die Türken teilten die Sorgen der Italiener.

Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte am Vormittag zu sueddeutsche.de, man gehe momentan davon aus, dass keine Deutschen unter den Opfern seien.

Die Katastrophe kündigte sich am späten Sonntagabend an. Ein Erdstoß der Stärke 4,6 ereignete sich um 22.00 Uhr im Norden des Landes in der Region Emilia-Romagna. Es war laut Ansa auch im nordöstlichen Triest und an der weiter südlich gelegenen Adria-Küste zu spüren. Zunächst gab es keine Berichte über Verletzte.

Am Montagmorgen um 3:32 Uhr bebte dann in Mittelitalien die Erde. Nach Angaben des italienischen Zivilschutzes lag das Epizentrum des zweiten Bebens in fünf Kilometer Tiefe unter der Stadt L'Aquila in den Abruzzen.

Zunächst gab es unterschiedliche Angaben über die Stärke des desaströsen zweiten Bebens. Der italienische Zivilschutz teilte mit, es habe eine Stärke von 5,8 gehabt. Ansa meldete unter Berufung auf die Feuerwehr in Rom, der Erdstoß habe eine Stärke von 6,7 gehabt. Das US-Instituts für Geophysik (USGS) sprach von einer Stärke von 6,3.

Der Nachrichtenagentur AP zufolge hatte es bereits in den vergangenen Tagen mehrfach Erschütterungen in der Region gegeben.

In Italien besteht hohe Erdbebengefahr, da das Land am Zusammenstoß zweier tektonischer Platten liegt. Im Oktober 2002 kamen bei einem Erdbeben in dem mittelalterlichen Dorf San Giuliano di Puglia 30 Menschen durch ein Erdbeben ums Leben, darunter 27 Schüler und ihren Lehrer, die unter den Trümmern ihrer Schule egraben wurden. Am 23. November 1980 ereignete sich in der Nähe von Neapel ein verheerendes Erdbeben, bei dem 2570 Menschen ums Leben kamen, 8850 verletzt und 30.000 obdachlos wurden.

In den Abruzzen ist noch die Erinnerung an ein Erdbeben vom 13. Januar 1915 wach, bei dem schätzungsweise 30.000 Menschen ums Leben kamen. Noch schlimmer war das Erdbeben vom 28. Dezember 1908, bei dem an der Straße von Messina rund 95.000 Menschen ums Leben kamen.

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(sueddeutsche.de/AFP/dpa/Reuters/AP/mati/gal/grc/bica/vw)