Eine spektakuläre Verbrecherkarriere ist zu Ende: Der Anführer der Cosa Nostra, Bernardo Provenzano, ist gefasst. Dem 73 Jahre alten Mafia-Boss wurde dabei seine Wäsche zum Verhängnis.

Seit Jahren hatten die Top-Ermittler einer sizilianischen Spezialeinheit nur ein Ziel - den meistgesuchten italienischen Mafiaboss Bernardo Provenzano zu schnappen. Tag um Tag gingen sie Hinweisen nach, hörten Telefonmitschnitte ab.

Provenzano

Rechts ein Bild von Provenzano aus den 60er Jahren, links ein computergeneriertes Porträt. (© Foto: dpa/Reuters)

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Ein abgehörtes Telefonat hatte die Ermittler auf die richtige Spur gebracht, berichteten italienische Medien. Darin habe ein Vertrauensmann sich mit seinem Gesprächspartner darüber abgestimmt, wann er dem Boss seine saubere Wäsche bringen soll. Provenzano hielt sich seit Jahren in Sizilien, nur wenige Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt, auf.

Der 73 Jahre alte Provenzano trug bei seiner Verhaftung Jeans, Pullover und Stiefel. Er ließ sich widerstandslos von den Polizisten festnehmen. Ein DNS-Test ergab, dass es sich tatsächlich um den gesuchten Provenzano handelt. In seinen Taschen fand man mehrere Zettel. Diese Papiere mit Anweisungen schickte Provenzano laut der Tageszeitung La Sicilia an seine Getreuen - sie endeten alle mit der Drohung "Sorgt dafür, dass ich mich nicht blamiere."

Anfang 1993, als der damalige "Boss der Bosse" und vielfache Mörder Toto Riina den Fahndern ins Netz gegangen war, übernahm Provenzano das Kommando der sizilianischen Cosa Nostra. Die Cosa Nostra ("Unsere Sache") ist neben der Camorra mit Zentrum in Neapel und der 'Ndrangheta in Kalabrien die wichtigste Mafia-Organisation in Italien.

Pate alter Prägung

Ein einstiger Mitstreiter der Cosa Nostra sagte über Provenzano: "Er schießt wie ein Gott, schade, dass er das Hirn eines Huhns hat." Bis zuletzt soll Provenzano die Zügel der sizilianischen Mafia-Organisation fest in Händen gehalten haben und Drahtzieher des internationalen Drogenhandels und der Geldwäsche gewesen sein.

Kontakte zu Politikern und öffentliche Bauaufträge, eine wesentliche Einnahmequelle der "Ehrenwerten Gesellschaft", hatte er zur Chefsache erklärt.

Er wurde als äußerst grausam und blutrünstig beschrieben, als archaische Persönlichkeit und "Pate" alter Prägung. Medien nannten ihn "den mysteriösesten Boss der Cosa Nostra". Insider bezeichneten ihn stets als äußerst misstrauisch und menschenscheu. Wegen seiner Entschlossenheit erhielt er den Spitznamen "U Tratturi" ("Der Traktor").

Nach mehreren Morden an Rivalen war er 1963 untergetaucht. Provenzano soll unter anderem in die tödlichen Anschläge auf die Mafiajäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino im Jahr 1992 verwickelt gewesen sein.

Großer Schritt nach vorn für Italien

Das italienische Innenministerium bezeichnete die Festnahme als "wichtigen Schritt nach vorn für das ganze Land". Der oberste Mafia-Jäger Pierro Grasso sagte im Rundfunksender RAI, er empfinde "große Befriedigung" über die Festnahme. Auch Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi äußerte sich zufrieden.

In Palermo sagten Staatsanwälte: "Die Festnahme Provenzanos ist ein außergewöhnliches Ergebnis, das vor allem durch Stillschweigen, Geduld, Entschlossenheit und Professionalität erzielt wurde."

Inzwischen befinde sich das "Gespenst der Mafia" an einem geheimen Ort. Zeitlebens hatte "Don Binnu" niemandem vertraut und den direkten Kontakt gescheut, wie Fahnder berichteten: "Er hatte einen angeborenen animalischen Instinkt für die Gefahr."

Lange wusste die Polizei nicht einmal annähernd, wie Provenzano überhaupt aussieht. Das über Jahrzehnte einzige Foto von ihm stammte aus dem Jahr 1959 und zeigt das Gesicht eines jungen Mannes, der aussieht, als könne er kein Wässerchen trüben. Zwar gab es dann ein neues Phantombild von ihm. Nur: Daran wirkten inhaftierte Mafiosi mit.

Im vergangen Jahr hieß es, Provenzano habe sich heimlich in Marseille operieren lassen. Er habe sich in der französischen Klinik als Bäcker aus einem sizilianischen Dorf ausgegeben. Später hieß es, Provenzano habe sich auch als Bischof getarnt.

Erst vor wenigen Tagen hatte sein Anwalt der Zeitung La Repubblica erklärt, Provenzano sei seit mehreren Jahren tot. Die Mafia auf Sizilien wolle damit "ein Gespenst verfolgen lassen, um die eigentlichen Bosse zu decken und sie ungestört zu lassen", sagte der Rechtsanwalt. Seine Überzeugung beruhe auf sicheren Anhaltspunkten. Wegen seines Berufsgeheimnisses, so der Anwalt, könne er keine Einzelheiten preisgeben.

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(dpa/AP/AFP)