Israel streitet um ultraorthodoxe Sekte So unerbittlich wie die Taliban

Peitschenhiebe für Sünder, Frauen in Burka-ähnlichen Gewändern und Zwangsheiraten: Das Regelwerk der ultraorthodoxen jüdischen Gruppierung "Lev Tahor" ist ähnlich streng wie das islamistischer Fundamentalisten. Nun erwägt Israel ein Verbot der "Taliban-Sekte".

Von Peter Münch, Tel Aviv

In Kanada wurden sie schon erwartet. Am Flughafen in Montreal sollten die beiden Schwestern aus Israel, 13 und 15 Jahre alt, in Empfang genommen und in ihr neues Zuhause gebracht werden. In den Bergen von Quebec liegt das Areal, auf dem ein paar Dutzend ultraorthodoxe jüdische Familien nach strengsten Glaubensregeln leben, und vieles deutet darauf hin, dass die beiden Mädchen schnellstens verheiratet werden sollten. Doch ein Gericht in Israel hat das zusammen mit Interpol und den kanadischen Behörden in letzter Minute vereitelt.

Etwa zehn Prozent der israelischen Bevölkerung leben nach den strengen Regeln des ultraorthodoxen Judentums.

(Foto: Reuters)

"Lev Tahor" nennt sich die Gruppe, reines Herz, doch bekannt ist sie auch als die "Taliban-Sekte". Denn die Regeln erscheinen so unerbittlich wie bei den islamischen Fundamentalisten: Die Frauen müssen der israelischen Zeitung Haaretz zufolge einen Burka-ähnlichen schwarzen Umhang tragen, Sündern drohen Peitschenhiebe, gebetet wird fast den ganzen Tag.

Gehirnwäschen für Jugendliche

Unumschränkter Herrscher der Sekte ist ein Mann namens Rabbi Schlomo Helbrans. Geboren vor 49 Jahren in Jerusalem, verließ er schon in jungen Jahren das Gelobte Land. In den USA machte er in den frühen neunziger Jahren Schlagzeilen, als er wegen Entführung eines 13-Jährigen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Die Eltern hatten den Jungen zur Vorbereitung auf die Bar-Mizwa zu ihm geschickt, danach war er für zwei Jahre verschwunden - gehirngewaschen hatte er sich der Sekte des Rabbis angeschlossen.

Die Eltern der beiden israelischen Mädchen aus Beit Schemesch bei Jerusalem aber waren offenbar bereit, ihre Töchter freiwillig in die Obhut dieser Gruppe zu geben. "Wir haben das gründlich geprüft, und es erschien uns passend", wird die Mutter zitiert. Verhindert hat den Handel am Ende ein Großonkel der Kinder, der zur Polizei ging, als die Mädchen von ihren Eltern ins Flugzeug nach Kanada gesetzt worden waren. In Montreal wurden sie in Polizeigewahrsam genommen und dann nach Israel zurückgeschickt.

Erst nach der Landung in Tel Aviv, so heißt es, wurden die Eltern informiert. Bevor sie ihre Töchter wieder mit nach Hause nehmen durften, mussten sie schriftlich versichern, dass sie nicht noch einmal versuchen, die Kinder zu "Lev Tahor" nach Kanada zu schicken.

Erledigt ist der Fall damit aber nicht. In dieser Woche soll ein israelisches Gericht über ein mögliches Verbot der Sekte urteilen. Wird "Lev Tahor" für illegal erklärt, dann könnten die Behörden anordnen, dass den Sektenmitgliedern wegen akuter Gefährdung alle Kinder entzogen werden.