Irland Betonplatte des Schweigens

Auf der Wiese des ehemaligen Heims hatte man die Toten verscharrt.

(Foto: Niall Carson/dpa)

In Tuam wurden 800 Kinderleichen auf dem Gelände eines ehemaligen Mutter-Kind-Heimes entdeckt. Jetzt will die Regierung Aufklärung.

Von Christian Zaschke

Die eigentliche Arbeit hat nun erst begonnen. Seit sich Anfang dieses Monats der Verdacht bestätigte, dass in einem namenlosen Grab im Westen Irlands die Leichen von 800 Kindern liegen, stellt sich die Frage, wer verantwortlich ist. Die für Kinder und Jugendliche zuständige Ministerin Katherine Zappone hat nun umfassende Aufklärung versprochen, was einerseits eine Selbstverständlichkeit ist, andererseits ein bedeutender Schritt bei einem Thema, über das in Irland jahrzehntelang geschwiegen wurde.

Viel zu oft verließen die Frauen die Heime wieder ohne ihre Kinder

Das Grab in Tuam im County Galway liegt auf dem Gelände eines ehemaligen Mutter-Kind-Heims, in dem alleinstehende Mütter ihre unehelichen Kinder zur Welt brachten. Das Heim wurde von 1925 bis 1961 von den Schwestern von Bon Secours betrieben, einem katholischen Frauenorden. Unverheiratete Mütter waren im damals erzkatholischen Irland stigmatisiert. In Heimen wie dem in Galway sollten sie Buße tun, und wenn alles gut lief, kehrten sie nach einer Weile in ein normales Leben zurück. Doch viel zu oft verließen sie die Heime ohne ihre Kinder, weil diese entweder starben oder zur Adoption freigegeben wurden. Eine Kommission untersucht mittlerweile 18 dieser Einrichtungen, in denen zwischen 1922 und 1998 Mütter und Kinder untergebracht wurden.

Bis in die Fünfzigerjahre war die Sterblichkeitsrate von unehelichen Kindern in Irland laut Daten der Regierung fünfmal so hoch wie die von Kindern von verheirateten Paaren. In den Heimen starben sie an den Folgen von Lungenentzündung, Unterernährung, Tuberkulose oder Magen-Darm-Entzündungen. In Tuam wurden sie offenbar einfach auf dem Gelände des Heims verscharrt.

Bereits in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts hatten zwei Jungen das Massengrab beim Spielen entdeckt. Eine Betonplatte in einer Wiese hatte ihre Neugier geweckt. Wenn man darauf klopfte, ertönte ein hohles Geräusch. Also, schlossen die zwölf Jahre alten Jungen, müsse sich darunter etwas Interessantes befinden. Als sie die Platte beiseitegeschafft hatten, blickten sie in einen Raum voller Skelette. Passiert ist anschließend wenig. Ein Priester segnete die Gebeine, und dann sollte im Wortsinne Gras über die Sache wachsen.

Es dauerte bis zum Jahr 2014, bis die Regierung sich der Sache wirklich annahm. Die Historikerin Catherine Corless recherchierte damals für ein Jahrbuch über das 3000-Einwohner-Örtchen Tuam. Sie hatte die Geschichte von dem Grab gehört - niemand wollte in Tuam davon wissen, aber natürlich wussten alle, dass es das Grab gab. Corless begann eine intensive Recherche, sie durchforstete die Akten des früheren Heims und kam zu dem Schluss, dass auf dem Gelände 800 Leichen liegen müssten, die dort allem Anschein nach von den nicht allzu barmherzigen Schwestern von Bon Secours entsorgt worden waren. Der Fall sorgte weltweit für Aufsehen, Reporter aus aller Welt reisten an, um über das Unfassliche zu berichten. Und in Irland begann eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Die umfassende Macht der Kirche ist geschrumpft, das Interesse an einer Aufklärung gewachsen

Dank der Arbeit von Corless wurde der Fall gründlich aufgerollt. Anfang März bestätigte eine Untersuchungskommission jetzt auch offiziell, dass in dem Grab Kinder im Alter von bis zu drei Jahren liegen, die in dem Heim zur Welt gekommen waren. Das hätten Untersuchungen der Knochen ergeben. Ministerin Zappone sagt, man werde nun versuchen herauszufinden, was damals genau geschehen ist. In Irland geht man derzeit davon aus, dass die Untersuchungen das Land noch einige Jahre beschäftigen werden.

Erstmals sind die Praktiken in den Mutter-Kind-Heimen einer breiten Öffentlichkeit im Jahr 2013 durch den Kinofilm "Philomena" bekannt geworden. Er erzählt die wahre Geschichte einer Mutter, deren Kind ohne ihre Zustimmung zur Adoption freigegeben worden ist. Sie beruht auf den Recherchen des Journalisten Martin Sixsmith, der die Irin Philomena Lee auf der Suche nach ihrem Sohn begleitet hat. Sie fand schließlich heraus, dass ihr Sohn in den USA aufgewachsen und bereits verstorben ist. Dass Kinder aus den Heimen in die Vereinigten Staaten gegeben wurden, war übliche Praxis. Der Journalist Sixsmith sagte anlässlich des Fundes in Tuam, er fürchte, dies sei nicht das einzige Massengrab dieser Art.

Ob es tatsächlich mehrere solcher Gräber gibt und wer genau für die Praxis der anonymen Bestattung verantwortlich war, soll in den kommenden Jahren ans Licht kommen. Die einst allumfassende Macht der katholischen Kirche ist deutlich geschrumpft, es gibt ein echtes Interesse an Aufklärung. Der Orden der Schwestern von Bon Secours teilte in einer Stellungnahme in der Irish Times mit, er unterstütze die Untersuchungskommission der Regierung. Alle Unterlagen seien bereits 1961 bei der Schließung des Heimes an die örtlichen Behörden übergeben worden. Ministerin Zappone hat versprochen, das Andenken der toten Kinder von Tuam zu ehren. "Wir werden ihre Überreste nun angemessen behandeln", sagte sie.