Von Wolfgang Koydl, London

Er hat kein Gesicht und keinen Namen: Um seine Opfer zu schützen, hält die britische Polizei die Identität eines Mannes geheim, der seine zwei Töchter 30 Jahre misshandelte und vergewaltigte.

Großbritanniens Josef Fritzl hat kein Gesicht und keinen Namen, und seine Untaten kamen noch nicht einmal ans Licht, nachdem seine Opfer sich zur Polizei getraut hatten. Erst jetzt, da der 56-Jährige aus der nordenglischen Industriestadt Sheffield zu mindestens 19,5 Jahren Haft verurteilt worden ist, wurde der Fall in der Öffentlichkeit überhaupt bekannt. Doch seine Identität wird verschwiegen - um seine Opfer zu schützen.

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Über einen Zeitraum von knapp 30 Jahren hatte der Mann seine beiden Töchter misshandelt, vergewaltigt und missbraucht - Hunderte, Tausende von Malen. Manchmal zerrte die Kinder mehrmals in der Woche aus dem Bett, derweil die Mutter nebenan schlief. Die Leidensgeschichte der Mädchen begann 1980, als sie acht und zehn Jahre alt waren. Die Misshandlungen endeten im vergangenen Februar, und erst im Juni erstatteten die beiden mittlerweile erwachsenen Frauen Anzeige.

Schock für die selbstgefällige Öffentlichkeit

So wie Fritzl, die österreichische Bestie in Biedermanngestalt, zeugte auch der Engländer Kinder mit seinen Töchtern: Mindestens 19 Mal wurden die beiden Mädchen von ihm schwanger. Fünfmal erlitten sie Fehlgeburten, fünfmal trieben sie ab. Neun Kinder überlebten. Und ebenfalls wie Fritzl zeigte er bis zuletzt keine Reue. "Er versteht noch nicht einmal ansatzweise, welche seelischen Verwüstungen er angerichtet hat", urteilte Richter Alan Goldsack beim Schuldspruch.

Die britische Öffentlichkeit, die den Fall Fritzl selbstgefällig als eine Verirrung betrachtet hatte, die angeblich nur in Österreich passieren könnte, ist nun mit einer nicht weniger grässlichen Tat im eigenen Land konfrontiert. Fassungslos wird zudem registriert, wie Ärzte, Polizei und Sozialdienste fast drei Jahrzehnte lang nichts von der systematischen Misshandlung bemerkten, obschon es immer wieder Hinweise gegeben hatte.

Denn anders als Fritzl hielt der Brite seine Opfer nicht physisch in einem Kellerverlies gefangen. Sie bewegten sich frei, und ihre Kinder brachten sie nicht zuhause zur Welt, sondern in Kliniken. Schon in der Schule hatten Verletzungen Verdacht erregt, die der Vater ihnen zugefügt hatte. Und einmal, vor elf Jahren, meldete ihr Bruder die Vergewaltigungen der Polizei. Aber niemand griff ein, denn die Mädchen deckten ihren Vater - aus nackter, panischer Angst.

Ihr Schweigen erzwang er mit Todesdrohungen oder der Warnung, dass die Behörden den Töchtern die Kinder wegnehmen würden, wenn sie Anzeige erstatteten. Einmal, vor zehn Jahren, riefen sie dennoch anonym den Telefonberatungsdienst Childline an. Doch als man ihnen dort nicht garantieren konnte, dass sie ihre Kinder würden behalten dürfen, wenn sie zur Polizei gingen, beendeten sie wortlos das Gespräch.

Um unentdeckt zu bleiben, zog der Vater zudem häufig um - manchmal alle sechs Monate. Als Wohnorte wählte er vorzugsweise entlegene Dörfer in den dünnbesiedelten ostenglischen Grafschaften Süd-Yorkshire und Lincolnshire. Aber auch hier wurde niemand stutzig, dass immer mehr Kinder in eine Familie geboren wurden, in welcher der einzige Mann der Großvater war.

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(SZ vom 27.11.2008/grc)