Inzest: Sächsisches Geschwisterpaar "Wir wussten, dass das irgendwie verboten ist."

Anzeigen, Prozesse und Gefängnisaufenthalte: Seit sieben Jahren kämpft das sächsische Geschwisterpaar Patrick S. und Susan K. für seine Liebe.

Von Christina Berndt

Er sagt: "Wir wussten, dass das irgendwie verboten ist." Patrick S. spricht ruhig und leise, er sitzt neben seiner Schwester auf dem Sofa in der kleinen Zweiraumwohnung in Sachsen. "Aber wir wussten nichts von so hohen Strafen." Seit Jahren kämpft der junge Mann mit dem Gesetz, im Gefängnis war er schon mehrfach, und wie viele Straftaten er wirklich begangen hat, das weiß keiner so genau. Für jeden einzelnen Geschlechtsverkehr mit seiner Schwester könnte er belangt werden. Nicht zu leugnen sind vier solcher Begegnungen. Denn dabei sind die vier Kinder von Patrick S. und seiner Schwester - oder soll man sagen: seiner Frau - Susan K. entstanden. Gentests haben das eindeutig bewiesen.

"Wir wussten, dass das irgendwie verboten ist": Patrick S. und seine Schwester und Ehefrau Susan K.

(Foto: Foto: dpa)

"Eigentlich wollten wir gar keine Kinder", sagt der heute 30-jährige Patrick. Das sei "irgendwie passiert". Es war kurz nach dem Tod der Mutter, dass er und seine acht Jahre jüngere Schwester sich auch körperlich näherkamen. Bis dahin hatten sie ein halbes Jahr lang ein Zimmer geteilt - "wie Brüderchen und Schwesterchen", könnte man sagen. Patrick war der zurückgekehrte Sohn. Mit drei Jahren war er von der Familie getrennt worden: Der Vater, ein Alkoholiker, hatte das Kind gepackt und ihm ein Messer an die Kehle gehalten, vor den Augen der Nachbarn. Die alarmierten die Polizei, und Patrick kam in ein Heim; später adoptierten ihn seine Pflegeeltern. Als all das geschah, war Susan noch gar nicht geboren.

"Hier ist deine Mutti"

Beinahe 20 Jahre später macht sich Patrick auf die Suche nach seiner Mutter. An einem Tag im Mai 2000 ruft sie ihn tatsächlich an: ",Hier ist deine Mutti aus Leipzig', hat sie damals gesagt." Patrick sieht glücklich aus, als er das erzählt. "Wir haben stundenlang gequatscht." Am 20. Mai hat er seine Mutter dann wiedergesehen, das weiß er noch genau, und dabei hat er auch seine kleine Schwester kennengelernt. Sechzehn war sie damals, er 24. "Bis dahin hab ich ja gar nicht gewusst, dass ich 'ne Schwester hab'", sagt Patrick. Er zog zu seiner neuen, alten Familie. Dann starb ganz plötzlich die Mutter, kurz vor Weihnachten. Und es wurde mehr aus der Zuneigung der Geschwister.

Dass sich die Beziehung geändert hatte, fiel Nachbarn und Freunden erst auf, als Susan schwanger war. Ein anderer Mann als Patrick kam als Vater kaum in Frage. Die junge Frau, der Richter mangelnde geistige Reife bescheinigen, hatte keinen anderen Kontakt zu Männern. Einer Frau vom Jugendamt kam als erster der Verdacht. Sie nahm Susan ins scheinbar vertrauliche Verhör - und erstattete dann Anzeige gegen Patrick. Die Liebe bekam ein Aktenzeichen. Der Staat begann unter die Bettdecke der Geschwister zu schauen.

Sieben Jahre ist das jetzt her - und trotz aller Widrigkeiten, aller Prozesse, aller Trennungen wegen der Gefängnisaufenthalte teilen Patrick und Susan immer noch Tisch und Bett, solange sie können. "Sie zeigen doch, dass sie zusammengehören", sagt der Rechtsanwalt Joachim Frömling aus Zwenkau, der die Geschwister jahrelang vertreten hat. "Schon die ganze Zeit stehen sie die Sache gemeinsam durch."

Hinaus in die Welt

Susan sagt nicht viel. Sie ist auch heute noch schüchtern und zurückhaltend. Ihr großer Bruder scheint ihr eine Stütze im Leben zu sein. Sie schaut zu ihm auf, der weniger ängstlich ist, sogar mit der Presse selbstbewusst redet. Beide Geschwister sind auf eine Förderschule gegangen, aber Patrick hat sich immer in die Welt hinausgewagt. Anders als seine Schwester konnte er die Schule abschließen, er hat eine Schlosserlehre gemacht. Nur an der theoretischen Prüfung ist er gescheitert.

"Wenn wir schon immer eine normale Familie gewesen wären, wär' das wahrscheinlich alles nicht passiert", sagt Patrick. Als hätte er in den Lehrbüchern der modernen Wissenschaft gelesen.