Interview mit "El Chapo" Sean Penn, der Missverstandene

CBS-Moderator Charlie Rose (links) im Gespräch mit Sean Penn

(Foto: REUTERS)
  • In einem Interview spricht Sean Penn ausführlich über sein Treffen mit dem mexikanischen Drogenboss "El Chapo" und den Reaktionen darauf.
  • Der Schauspieler betrachtet den Artikel als gescheitert, da er seinen Zweck verfehlt habe.
  • Penn widersprach Berichten, in denen behauptet wurde, dass sein Treffen zur erneuten Festnahme von "El Chapo" geführt hätte.
Von Hakan Tanriverdi, New York

Sean Penn denkt, dass er versagt hat. "Mein Artikel über El Chapo ist gescheitert", sagt er im Interview in der Sendung 60 Minutes auf CBS. Das Interview dauert knapp 14 Minuten. Doch Penn habe nicht etwa versagt, weil die Kritik an seinem Artikel berechtigt sei, sondern weil alle Welt Sean Penn missverstanden habe.

Der Schauspieler und selbsternannte "experimentelle Journalist" (Penn war 2005 unterwegs in Iran, interviewte 2008 den kubanischen Präsidenten Raúl Castro) wollte mit seinem Besuch bei "El Chapo" und anschließendem Artikel über den Drogenboss Joaquín Archivaldo Guzmán Loera im US-Magazin Rolling Stone erreichen, dass der War on Drugs intensiv in der Öffentlichkeit debattiert wird. Ein Krieg, der zwischen 2007 und 2014 in Mexiko nach Angaben der Regierung 164 000 Menschen das Leben gekostet haben soll.

"Alle eure Kinder nehmen diese Drogen"

Denn es sei egal, ob man sich politisch links oder rechts verorte, sagt Penn im Interview: "Alle eure Kinder nehmen diese Drogen, alle eure Brüder, Schwestern, Vater, Mütter und Lehrer in der Schule". Alle Menschen in den USA wollen, dass der Drogenkrieg aufhöre. Doch wie viel Prozent der Zeit sei in der vergangenen Woche über dieses Thema geredet worden, fragt Penn weiter. Ein Prozent sei ihm zufolge noch eine großzügige Schätzung. Darum bezeichnet Penn seinen Artikel, dessen Lesedauer knapp eine Stunde beträgt, als Flop.

"Ich glaube, die Stragie im Kampf gegen Drogen, ein Kampf der uns alle sehr betrifft, scheint unbeweglich zu sein", sagt Penn. Ihm zufolge wolle man das Problem vereinfachen, also einen Bösewicht haben, um sich auf diesen zu konzentrieren. Penn findet, dass es der Aufklärung eines Themas nicht diene, Menschen zu dämonisieren. "Ich kann nicht sagen, dass er (Guzmán) schlimmer ist als ich, wenn ich nicht alles tue, was in meiner Macht steht, um eine Diskussion darüber loszutreten, wie wir diesen Krieg führen", sagte Penn.

Er selbst beschreibt in dem Artikel ausführlich, wie das Drumherum des ersten siebenstündigen Treffens ablief und dass ein zweites Treffen nicht stattfinden konnte, weil Guzmán sich erneut auf der Flucht vor der mexikanischen Regierung befand. Penn musste seine Fragen also per Handy und Textnachrichten stellen. Guzmán wiederum hatte zuvor zugestimmt, seine Antworten per Video aufzunehmen. Penn fragt den Drogenboss unter anderem nach seiner Kindheit ("sehr hart"), ob Guzmán sich verantwortlich fühlt für die hohe Zahl der Drogenabhängigen weltweit ("Nein"). Der Drogenkrieg in den USA spielt im Artikel selbst nicht die größte Rolle. Guzmán wird in dem Artikel eher positiv dargestellt.

Wie Sean Penn Drogenboss "El Chapo" traf

Vor seiner Verhaftung gab der Drogenbaron dem Oscar-Gewinner ein Interview. Was "El Chapo" im mexikanischen Dschungel verriet - und warum es Kritik an Sean Penn gibt. Von Matthias Kolb, Washington mehr ...

Kritik an Penn: keine wichtigen Fragen

Der Artikel sorgte nach Erscheinen weltweit für Schlagzeilen und für heftige Diskussionen. Grob zusammenfassen lassen sich drei Punkte.

Erstens: Vor allem mexikanische Journalisten haben Sean Penn vorgeworfen, eine Art Homestory über den Drogenboss geschrieben zu haben. So sagt zum Beispiel Adela Navarro, Chefredakteurin des Magazins Zeta, dass Sean Penn lediglich persönliche Fragen stellen konnte ("ihm fehlt der Kontext der Straße, er ist kein Journalist in Mexiko") und die Antworten darauf den meisten Menschen in Mexiko egal seien. "Wir wollen wissen, wen er bezahlt hat, um zu fliehen, wer in der Regierung und welche großen Firmen ihm bei der Geldwäsche helfen. Wie viele Leute er hat umbringen lassen."

Dass Penn eine Antwort auf diese Fragen haben könnte, wird in dem Artikel angedeutet. An einer Stelle heißt es, dass Guzmán freimütig über korrupte Firmen in Mexiko und andernorts rede. Penn darf die Namen aber nicht nennen.