Interview mit Reporter "Es war verblüffend einfach"

Ein Anruf bei Rashid Razaq, der das Mädchen auf dem Foto fand, das angeblich Madeleine McCann zeigte.

Interview: Marten Rolff

Zeitungen auf der ganzen Welt druckten in dieser Woche das unscharfe Foto eines blonden Mädchens, das die Touristin Carla Torres im marokkanischen Zinat gemacht hatte. Die Spanierin glaubte, die vierjährige Madeleine McCann fotografiert zu haben, die im Mai in Portugal verschwand. Die Hoffnung löste sich auf, als der Reporter Rashid Razaq vom britischen Boulevardblatt Evening Standard am Mittwoch verkündete, das Mädchen auf dem Bild gefunden zu haben: Es zeigt die fünfjährige Bushra, Tochter eines Olivenbauern.

Interview mit Reporter

Sieht der verschwundenen Maddie ähnlich: Bushra, die Tochter eines Olivenbauern.

(Foto: Foto: afp)

Süddeutsche Zeitung: Wie aufwendig war es, das Mädchen zu finden?

Razaq: Ehrlich gesagt, verblüffend einfach. Das Dorf Zinat liegt eineinhalb Autostunden von Tanger entfernt und hat nur etwa 2000 Einwohner. Wir sind dort herumgefahren und haben Bäume, Telefonleitung und Bergsilhouette gesucht, die im Foto-Hintergrund zu sehen waren. Als wir den Straßenabschnitt hatten, haben wir einigen Passanten das Bild gezeigt, die uns schnell zur Familie der fünfjährigen Bushra Binhisha geführt haben.

SZ: Wussten die Dorfbewohner denn, was Sie wollten, worum es Ihnen ging?

Razaq: Ja, erstaunlicherweise kannte selbst in einem so abgeschiedenen marokkanischen Bauerndorf absolut jeder den Fall Madeleine. Nur dass ein falsches Foto kursierte, wusste man dort noch nicht.

SZ: Wie haben die Binhishas reagiert?

Razaq: Die Familie war natürlich eingeschüchtert wegen des plötzlichen Interesses und hatte erst Angst um ihre Tochter, wollte sie beschützen. Es waren ja sehr viele britische Reporter dort, die uns gefolgt waren. Dazu gab es Verständigungsprobleme, weil die Binhishas weder Spanisch noch Englisch sprachen. Als sie verstanden hatten, dass es uns um Maddie ging, waren sie kooperativ, aber sie haben klargemacht, dass sie keine weitere Aufmerksamkeit mehr wünschen.

SZ: Wenn es so einfach war, das Mädchen zu finden, wieso brüteten dann so viele Spezialisten von Polizei oder vom britischen Zentrum gegen Kindesmissbrauch so lange erfolglos über dem Foto?

Razaq: Das ist mir ein Rätsel. Die spanische Touristin Clara Torres, die das Bild bereits Ende August gemacht hat, wandte sich damals sofort an die portugiesische Polizei. Ich habe nie mit Torres gesprochen, aber sie ist damit erst über einen spanischen Sender an die Öffentlichkeit gegangen, nachdem wochenlang nichts geschehen war. Mit einem Anruf bei der Polizei in Zinat hätte man den Fall schnell klären können. Dann hätten die McCanns nicht vergeblich hoffen müssen. Vielleicht lässt sich die Verschleppung der Ermittlungen aber auch durch die vielen Hinweise erklären, die es aus aller Welt zum Fall Maddie gibt. Wer hat schon so viel Personal, um all dem nachzugehen?

SZ: Immerhin scheint ja ein Blick auf das Bild gereicht zu haben, um ein Heer von Reportern in Bewegung zu setzen.

Razaq: Die Vorstellung, das Mädchen auf dem unscharfen Foto könnte Maddie sein, hatte schon etwas Bestechendes. Das blonde Haar, die ähnliche Gesichtsform. Der Ort, an dem das Bild aufgenommen war, schien im Zusammenhang mit dem Fall nicht abwegig zu sein. Da waren wir natürlich alarmiert, als wir das Bild sahen. Die Ähnlichkeit zwischen beiden Mädchen erwies sich dann erst aus der Nähe als deutlich kleiner. Blonde Kinder sind übrigens bei den Berbern, zu denen die Familie ja gehört, recht häufig. Nur sind deren Augen dunkel.

SZ: Zeigt die Tatsache, dass Sie für ein unscharfes Foto um die Welt reisen, wie sehr der Fall aus dem Ruder gelaufen ist?

Razaq: Nein. Aber vielleicht unterschätzt die Polizei trotz allem immer noch das riesige öffentliche Interesse an dem Fall. Leute auf der ganzen Welt wollen jetzt wissen, wo dieses Kind ist. Wenn die Polizei so wenig über die Ermittlungen sagt, ist das möglicherweise auch kontraproduktiv. Es ist klar, dass sich die Presse dann auf jedes bekannte Detail stürzt. Das ist eine völlig normale Entwicklung.