Von Christian Mayer

Andreas Gruber, Professor an der Filmhochschule, über den Studenten Florian Henckel von Donnersmarck.

SZ: Wann haben Sie vom großen Erfolg in Los Angeles erfahren?

Anzeige

Gruber: Ich habe von Freunden der Hochschule in der Nacht ein SMS bekommen und bin sofort wach geworden. Ich bin ja selbst gerade auf Dreharbeiten in Österreich.

SZ: Seit wann kennen Sie Florian Henckel von Donnersmarck?

Gruber: Der Florian war länger an der Hochschule als ich selbst. Ich kam 2002, da hatte er sein Grundstudium bereits absolviert und seinen ersten Film im Hauptstudium gemacht - ein Historiendrama über die Kreuzritter. Er zeigte mir damals das Drehbuch für "Das Leben der Anderen".

Ich fand das von Beginn an äußerst spannend - und ungewöhnlich, weil er einen Abschlussfilm mit vollen 90 Minuten Länge drehen wollte. Uns war klar, dass er viel Zeit brauchen würde, um fertig zu werden. . .

SZ: Was dachten Sie, als Sie das Drehbuch zum ersten Mal lasen?

Gruber: Ich fand seinen Ansatz sehr mutig. Die Nostalgiebrille abzunehmen und die DDR einmal anders zu zeigen. Er hat große Arbeit geleistet, weil die Geschichte hervorragend recherchiert ist.

SZ: Mal ehrlich: Hatten Sie nicht das Gefühl, dieser junge Lockenkopf könnte vielleicht etwas überambitioniert sein, mit seiner komplexen Stasi-Geschichte?

Gruber: Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass junge Menschen voller Enthusiasmus stecken. Dass sie einen unglaublichen Tatendrang haben und sich sehr viel zutrauen. So einer ist Florian.

Man muss den Studenten gelegentlich die realistischen Grenzen aufzeigen - wie unendlich lange es dauert, einen Film zu machen. Aber die Energie darf man nie bremsen.

SZ: Was konnten Sie Ihrem Schüler Florian Henckel von Donnersmarck überhaupt noch beibringen?

Gruber: Darum ging es gar nicht mehr, ihm etwas beizubringen. Es gab Gespräche über die Finanzierung und Kontaktvermittlungen. Aus dem Inhaltlichen habe ich mich herausgehalten, er war ja so überzeugt von seinem Film.

Bei uns lernen die Studenten die Basis ihrer Arbeit im Grundstudium - wie man dreht, wie man mit den Schauspielern und der Kamera umgeht, wie man eine Geschichte erzählt. Wenn dieses Grundgerüst gelegt ist, sind die Studenten rasch überzeugt, dass sie ohnehin schon alles können. . .

SZ: . . . so wie der jetzige Oscar-Preisträger, der scheint vor Selbstbewusstsein nur so zu strotzen.

Gruber: Ich finde es positiv, dass er weiß, was er will. Selbstvertrauen ist sehr wichtig in diesem Geschäft, wo die Verunsicherung oft groß ist und man nie weiß, wie man seinen Film finanzieren soll. Ich sage das auch meinen Studenten: Ihr müsst dem Team das Gefühl geben, dass da jemand steht, der weiß, wo es langgeht - selbst wenn er seine Zweifel hat.

Man sollte keine Komödie vorspielen, aber es ist ein notwendiger Prozess, den man lernen muss als Regisseur. Bei Florian war mir sofort klar: Wenn einer weiß, wie das funktioniert, dann er.

SZ: Ist der Oscar-Gewinn ein Ansporn für die anderen Studenten?

Gruber: Wir wollen den Erfolg nicht für uns vereinnahmen. Es ist der persönliche Triumph von Florian Henckel von Donnersmarck und seiner Produzenten Max Wiedemann und Quirin Berg, die ebenfalls an der HFF studiert haben. Wir freuen uns riesig, wir sind stolz auf sie. Natürlich wird man dadurch bestätigt - die Leute erkennen, wie gut die Ausbildung an der Hochschule ist.

Gut möglich, dass zu den vielen Bewerbungen jetzt noch etliche mehr kommen. Man spürt die Begeisterung, erst kürzlich wieder beim Tag der offenen Tür an der HFF, als wir einen Besucherrekord verzeichnen konnten. Und bei den HFF-Screenings - wo wir die besten Filme des Jahres vorstellen - waren so viele Produzenten und Fernsehredakteure wie nie zuvor da.

SZ: Henckel von Donnersmarck war von 1997 bis 2006 an der HFF eingeschrieben. Faul war er sicher nicht, warum hat es dann so lange gedauert?

Gruber: Eigentlich sieht die Regelstudienzeit vor, dass man in vier Jahren sein Studium schafft. Aber das kann man vergessen, weil es immer länger dauert, bis ein Film fertig ist. Momentan betreue ich persönlich etwa 80 Studenten, viel mehr als eigentlich vorgesehen - das liegt an den langen Studienzeiten. Und ich kenne tatsächlich jeden eigenen Abschlussfilm.

SZ: In diesem Jahr feiert die HFF den 40. Geburtstag, zugleich zieht sie bald von Giesing mitten ins Zentrum.

Gruber: Ja, das ist schon eine Zäsur. Wir haben dann ein ganz anderes, positives Umfeld, zwischen der Pinakothek der Moderne und der Alten Pinakothek. Wenn ich als Regisseur sprechen darf: eine gute Location.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Der Trauertänzer

"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...

(SZ vom 27.2.2007)