Tierschutz "Wenn ein Wolf einen Zaun überwunden hat, wird er zum bösen Wolf"

Günther Czerkus hat gegen Wölfe grundsätzlich nichts einzuwenden.

(Foto: privat)

Im Schwarzwald hat ein Wolf mehr als 40 Schafe getötet. Schäfer Günther Czerkus erklärt, wie er seine Tiere einzäunt, was die Politik tun kann und warum Wölfe trotz allem schützenswert sind.

Interview von Dora Volke

Seitdem ein Wolf im Nordschwarzwald mehr als 40 Schafe gerissen haben soll, ist die Diskussion um das Wildtier wieder aufgeflammt: Tierschützer freuen sich über seine Rückkehr, andere wollen es zum Abschuss freigeben. Der Schäfer und Vorsitzende des Bundesverbands Berufsschäfer e. V., Günther Czerkus, 67, erklärt im Interview, wie geeignete Schutzmaßnahmen für Schafe aussehen, wie die Politik helfen kann und warum selbst er als Schäfer den Wolf schützen will.

SZ: Herr Czerkus, am Montag hat ein Wolf mehr als 40 Schafe gerissen. Hatten die Tiere, als er einmal auf der Weide war, überhaupt eine Chance?

Czerkus: Bei einer Bedrohung versuchen Schafe wegzurennen. Aber wenn sie nicht mehr weglaufen können, dann stehen sie in der Ecke wie die Opferlämmer. Auch wenn sie zu hundertfünfzigst sind, wie im aktuellen Fall.

Wie kann ein Schäfer seine Tiere schützen?

Richtig verlässlich würde das wohl nur gelingen, indem er sie in einen geschlossenen Raum sperrt. Aber das ist nicht der Punkt. Wir haben unsere Schafe hinter Elektrozäunen, 90 Zentimeter hoch und mit mindestens 2000 Volt Strom darauf. Viele Schafe können, wenn sie wollen, diesen Zaun überwinden. Sie tun's aber nicht. Weil sie gelernt haben, dass der Zaun wehtut. Diese Situation müssen wir auch mit dem Wolf herstellen. Wir brauchen gute, effektive Zäune, die dicht am Boden abschließen, sodass der Wolf einen elektrischen Schlag bekommt und merkt: Was ich da gemacht habe, war total doof.

Interview am Morgen

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Welche anderen Schutzmaßnahmen gibt es?

Wir sind dabei, verschiedene elektronische Möglichkeiten auszuprobieren. Dass man zum Beispiel per SMS eine Warnung kriegt, wenn kein Strom mehr auf dem Zaun ist. Egal ob ein Wolf, Hund oder Wildschwein den Zaun eingerissen hat oder ein Baum umgekippt ist. In den Alpen, aber auch in Dänemark werden erfolgreich Bewegungsmelder eingesetzt. Wenn die Tiere aufgeregt hin und her rennen, schlagen am Schafskörper angebrachte Sensoren Alarm. Wir sind aber noch lange nicht so weit, dass wir diese Technik nutzen können. Außerdem kann man natürlich Herdenschutzhunde einsetzen. Das wird in weiten Teilen Deutschlands mit großem Erfolg betrieben. Allerdings fallen die Hunde nicht vom Himmel. Sie müssen entsprechende Genetik mitbringen und gut ausgebildet werden, damit sie verlässlich sind und man weiterzüchten kann.

Inwiefern sollte die Politik die Schäfer unterstützen?

Zwei ganz klare Forderungen: Wir brauchen eine präzise Festlegung, was ein Schäfer standardmäßig zu leisten hat. Wir haben die Aufgabe, unsere Zäune so zu bauen, dass die Schafe nicht ausbrechen. Alles, was darüber hinausgeht, können wir, die wir als Schlusslicht in der Landwirtschaft ohnehin wenig Geld haben, nicht leisten. Zweitens gibt die Gesetzeslage im Moment her, dass Wölfe, die Schafe reißen, geschossen werden. Das Gesetz sagt aber nicht, wer auf den Wolf schießen oder wer das bezahlen soll. In Brandenburg kam man mal auf die glorreiche Idee, der Schäfer müsste zahlen. Das kann nicht sein. Die Politik, die Verwaltung, die Natur- und Tierschutzorganisationen müssen sich mit uns Weidetierhaltern zusammen überlegen, was zu tun ist.

Eine Umfrage im Auftrag des Nabu hat ergeben, dass 79 Prozent der Deutschen es begrüßen, dass der Wolf bei uns wieder heimisch wird. Warum erfährt der Wolf so viel Unterstützung?

Der Wolf ist ein Tier, das enorm emotionsbesetzt ist. Er ist unheimlich hochgejubelt worden. Wenn mal irgendeiner sagen würde: "Hurra, der Ameisenbläuling, finde ich total toll, dass dieser Schmetterling in unserem Naturschutzgebiet jetzt wieder fliegt", das wäre eine schicke Sache. Tausende von Arten sind vom Aussterben bedroht. Und beim Wolf wird jetzt ein mordsmäßiges Geschrei gemacht.

Sind Sie dafür, dass man Wölfe erschießen darf?

Wenn ein Wolf einen Zaun überwunden hat, wird er zum bösen Wolf und muss erschossen werden. Er weiß dann, wie es geht und bringt es allen anderen sofort bei. Dasselbe müssen wir mit unseren Schafen machen: Wenn ein Schaf über den Zaun springt, muss ich es einfangen und das gibt dann eine ganz leckere Salami. Solange ein Wolf nur im Wald herumrennt und Wildschweine vernascht, ist mir als Weidetierhalter das völlig gleichgültig. Wir Schäfer begreifen uns nicht als Jäger des Wolfes, sondern als Hüter der Schafe. Wenn die Gesellschaft große Beutegreifer haben möchte - wir Schäfer brauchen sie nicht. Ich kenne keinen einzigen Schäfer, der froh ist, dass der Wolf wieder zurück ist. Das gibt uns aber natürlich nicht das Recht, den Wolf auszurotten. Wir verstehen uns als Artenschützer.

Also ist der Wolf auch schützenswert?

Ja, klar. Selbst wenn wir uns nicht als Artenschützer verstehen würden, hätten wir immer noch kein Recht, irgendeine Art, die uns nicht in den Kram passt, auszurotten. Ich habe weder bei einem Eichen-Prozessionsspinner noch bei einem Rapsglanzkäfer noch bei einer Brennnessel das Recht, zu sagen, du passt mir nicht in den Kram, ich mache dich kaputt. Das ist weder ethisch noch moralisch vertretbar, noch können wir Menschen absehen, welches Loch wir reißen, wenn wir genau diese Art wegnehmen.

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