Die Seite mit privaten Urlaubsfotos etwa, die man nur seinen besten Freunden zeigen will, muss laut Gesetz ebenfalls archiviert werden. "Nicht nur Online-Medien sind Veröffentlichungen. Auch eine private Homepage ist eine Publikation, ob mit Passwort geschützt oder nicht", sagt Stephan Jockel von der Deutschen Nationalbibliothek. "Sie gehört genauso wie Weblogs und Foren zum kulturellen und geistigen Schaffen unserer Gesellschaft. Eine Pflichtablieferungsverordnung wird den Sammelauftrag noch einmal konkretisieren." Bald stehen also auch private Fotos, Texte und Tonaufnahmen in der Nationalbibliothek.

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Wie das geht? "Eine Möglichkeit ist das sogenannte Harvesting", sagt Jockel. Dabei sammelt eine Suchmaschine alle Seiten ein, die auf -.de enden oder den Begriff "Deutschland" enthalten. Das kann jedoch zu Problemen führen. Ein Beispiel: Die Maschine findet am 14. September 2006 eine deutsche Internetseite. Einige Wochen später wird sie aufgrund ihrer Inhalte für illegal erklärt und aus dem Netz genommen. In der Bibliothek wäre sie jedoch weiter zugänglich. "Dazu muss man den Leuten mit einem Hinweis klarmachen, dass es sich nicht um das Live-Web handelt, sondern um ein Archiv", sagt Jockel. "Und Seiten mit einem Veröffentlichungsverbot werden auch in der Bibliothek nicht mehr zugänglich sein."

Die Internetgemeinde soll mithelfen

Überhaupt soll die Internetgemeinde beim Aufbau der digitalen Bibliothek mithelfen. Denn ab sofort - und auch dafür gibt es einen Passus im Gesetz - haben Autoren und Betreiber deutschsprachiger Internetseiten die Pflicht, ihre Werke "in einfacher Ausfertigung abzuliefern", und das auch noch "vollständig, in einwandfreiem, nicht befristet benutzbaren Zustand". Um die Forderung zu unterstreichen, droht das Gesetz unter dem Paragrafen 19 gleich ein Bußgeld von bis zu 10000 Euro an. Allerdings steht da kein Wort darüber, wie man das macht: so eine Internetseite bei der Deutschen Nationalbibliothek abliefern.

Es gibt bislang auch keine Regelung für Webseiten, die kostenpflichtig sind. Die Seite playboy.de etwa enthält einen Bereich, der nur gegen Bezahlung sichtbar ist. Wenn der Inhalt bei der Nationalbibliothek archiviert wird, wäre sie für jedermann zugänglich. Kostenlos. "Dazu muss man aber zu uns in die Bibliothek kommen", sagt Jockel. Es sei wie bei anderen Veröffentlichungen auch. Bücher kosten im Handel Geld, können im Archiv aber eingesehen werden.

Also kann der Web-Historiker in zehn Jahren in das Archiv gehen und sich jede deutsche Webseite eines bestimmten Tages ansehen? "Ganz so einfach ist es nicht", sagt Jockel. "Manche Internetseiten sehen nach zehn Minuten schon komplett anders aus. Online-Medien verändern sogar bereits veröffentlichte Texte." Man müsste nicht nur in Tage, sondern auch in Sekunden unterteilen. Man kann nur spekulieren, wie das in der Praxis funktionieren soll.

Die Archivierungsarbeit hat längst begonnen, auch wenn es für 2006 noch keinen Etat dafür gibt. "Etwa zwei bis drei Millionen Euro pro Jahr werden da auf uns zukommen", sagt Jockel. Und eine Aufgabe, die abenteuerlich und eigentlich nicht zu bewältigen ist. Vielleicht sollte man der Suchmaschine, die da nach deutschen Inhalten im Netz sucht, den Namen "Sisyphos" verleihen.

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(SZ vom 15. September 2006)