Internationale Klimapolitik Eine Botschaft namens "Haiyan"

Den Menschen auf den Philippinen brachte Taifun Haiyan Zerstöung und Leid - der Weltgemeinschaft führt er die Kosten des Klimawandels vor Augen.

So verheerend "Haiyan" jetzt ist, in der wachsenden Liste der Extreme wird er bald nur ein Taifun von vielen sein. Der Weltklimakonferenz, die von Montag an in Warschau stattfindet, führt "Haiyan" vor Augen: Wer die kurzfristigen Kosten im Kampf gegen den Klimawandel scheut, muss langfristig den Preis zahlen.

Ein Kommentar von Michael Bauchmüller

Was Wetterlaune ist und was Klimawandel - nie lässt es sich genau bestimmen. Auch der Taifun Haiyan ist letztlich nur ein Extrem, wie es die Region schon kennt. Zwar war bisher kein Sturm so stark und brachte so viel Zerstörung und Tod. Aber als Extrem reiht sich Haiyan in diesem Jahr in eine lange Kette ein: die Regenperiode, die im Sommer Süd- und Ostdeutschland überflutete, die Dürre, die zigtausende Hektar Busch in Australien verbrennen ließ, der Sturm, der kürzlich über die Nordsee brauste. Alles Extreme. Alles nur Wetter?

Taifune, Starkregen, Buschfeuer - all das hat es schon immer gegeben. Nur häufen sich die Extreme in immer kürzerem Abstand. Zwischen zwei Jahrhunderthochwassern liegt auch in Deutschland schon lange kein Jahrhundert mehr. Mag schon sein: Im Einzelfall lässt sich der Beweis schwer führen, dass der Klimawandel, mithin der Mensch selbst, hinter den Katastrophen steckt. Doch Haiyan demonstriert, was der Welt nach Auffassung von Klimaforschern droht: eine Zunahme extremer Wetterlagen. Wer sich die Statistiken der Rückversicherer anschaut, findet auch dort Bestätigung.

Insofern trifft es sich gut, dass just diesen Montag Experten aus aller Welt in Warschau zur Klimakonferenz zusammentreten. Für den mittlerweile recht kraftlosen Verhandlungsprozess liefern die Bilder aus dem Katastrophengebiet wertvolles Anschauungsmaterial - für die Zerstörung, das menschliche Leid, kurzum: die Kosten des klimapolitischen Stillstands. Viel zu sehr hat man sich in letzter Zeit lieber mit den Kosten beschäftigt, die eine neue Klimapolitik verursachen würde.

Das betrifft auch und besonders Europa. Wirtschaftskrise und Jugendarbeitslosigkeit sind in vielen Ländern derzeit das größere Problem als ein ferner Klimawandel. So vertagt eine Generation das Problem verlässlich auf die nächste. Bis es nicht mehr geht.

Die entstehende große Koalition stellt die Industrie über das Klima

Besonders unverblümt macht das gerade die entstehende große Koalition in Berlin vor. Sie wolle zwar weiterhin das Klima schützen, soll es im Koalitionsvertrag dereinst heißen. Ambitionierte Ziele in Europa aber will sie nur unterstützen, solange sie nicht der Industrie schaden; insbesondere jener Industrie, die besonders viele Treibhausgase verursacht. Das Schema ist altvertraut, es ist das Gefangenendilemma der Klimapolitik: Solange die meisten Staaten im Kampf gegen die Erderwärmung nur anbieten, was sie ohne wirtschaftliche Einbußen stemmen können, werden die Ehrgeizigen bestraft.

Keine Nahrung, kein Wasser, kein Strom

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Nur geht es eben am Ende um eine Abwägung der Kosten: um die Kosten eines klimaverträglichen Umbaus einerseits, um die Kosten eines unterbliebenen Klimaschutzes andererseits. Wer die kurzfristigen Kosten scheut, muss langfristig den Preis zahlen. Fest steht: Diese Kosten werden sehr viel höher sein. Wetterextreme, steigende Meeresspiegel, Flüchtlingsströme - Haiyan, so schlimm er jetzt ist, wird auch nur ein Taifun sein von vielen, in der wachsenden Liste der Extreme.